21.02.2008 Nachrichten    Home
Nachrichten aus den Life Sciences
Hoffnung für zukünftige Glatzen-Anwärter auf Therapie - Probanden für Studie gesucht
Gen für Haarausfall entdeckt
Einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Universität Bonn ist es in sechsjähriger Forschungsarbeit [1] gelungen, ein Gen zu identifizieren, das für eine seltene erbliche Form des Haarausfalls namens Hypotrichosis simplex verantwortlich ist. Dabei gelang es ihnen erstmals, einen Rezeptor zu identifizieren, der beim Haarwachstum eine Rolle spielt. Die Wissenschaftler hoffen, dass die Forschungsergebnisse zu neuen Therapien bei verschiedenen Formen des Haarausfalls führen können und nehmen nun auch an eine wesentlich häufigere Ursache der Glatzenbildung in Angriff.

Rund 100 Haare verliert ein gesunder Mensch pro Tag. Eigentlich nicht schlimm, so lange sie permanent ersetzt werden und sich der Verlust gleichmäßig über den ganzen Kopf verteilt. Wenn Haarausfall deutlich über dieses Maß hinausgeht, wird's kritisch - wie beispielsweise bei der Hypotrichosis simplex.

"Diese Form des Haarausfalls ist selten, kann aber entscheidend dazu beitragen, die Mechanismen des Haarwachstums zu verstehen", fasst die Leiterin des Projekts, Dr. Regina Betz vom Bonner Institut für Humangenetik, die Forschungsergebnisse zusammen. Die Krankheit wird vererbt; sie trifft sowohl Männer als auch Frauen. Die Betroffenen beginnen in der Regel schon im Kindesalter, kahl zu werden. Der Haarausfall (Alopezie) schreitet mit den Jahren weiter fort und betrifft besonders die Kopfbehaarung.

Haarwurzel

Was beinahe aussieht wie eine Flamme, ist ein mikroskopischer Schnitt durch eine Haarwurzel - oder auch Haarfollikel genannt. Hier wird das Haar gewissermaßen zusammengeleimt und Stück für Stück nach oben aus der Haut herausgeschoben. Störungen in den Zellen des Haarfollikels können zum Haarausfall bis hin zur Glatze führen.
Foto: Wiedemann

Ursache für die jetzt untersuchte Form der Hypotrichosis simplex ist ein Gendefekt. Er sorgt dafür, dass bestimmte Empfängerstrukturen auf der Oberfläche von Zellen des Haarfollikels nicht mehr korrekt gebildet werden. Wenn Botenstoffe von außen an diese Rezeptoren binden, setzen sie im Zellinnern eine Reaktionskette in Gang, die offensichtlich zur normalen Funktion des Haarfollikels notwendig ist. Bisher war kein derartiger Rezeptor bekannt, der eine spezifische Rolle für das Haarwachstum spielt.

Schlüssel zu neuen Medikamenten gegen den Haarausfall

"Die defekte Empfängerstruktur zählt zur Klasse der so genannten G-Protein gekoppelten Rezeptoren", erläutert Professor Dr. Markus Nöthen, Professor für Genetische Medizin vom Life & Brain Zentrum der Universität Bonn. "Und diese eignen sich in besonderem Maße als Angriffspunkte für Medikamente." Die Forscher konnten auch einen körpereigenen Botenstoff identifizieren, der im Haarfollikel an den Rezeptor bindet. Damit ergeben sich Chancen für die Entwicklung neuer Wirkstoffe. "Wir können jetzt gezielt nach verwandten Substanzen suchen, die sich bei der Therapie von Haarverlust einsetzen lassen", blickt Professor Dr. Ivar von Kügelgen vom Bonner Institut für Pharmakologie und Toxikologie in die Zukunft. Möglicherweise können von derartigen Medikamenten auch Patienten profitieren, die unter anderen Formen von Haarausfall leiden. Bis es soweit ist, werden aber noch einige Jahre vergehen.

Wissenschaftler der Universität Bonn und Düsseldorf haben inzwischen auch für eine wesentlich häufigere Form der Glatzenbildung, nämlich die so genannte androgenetische Alpezie, einige Bereiche auf den Chromosomen identifiziert, die am Haarausfall beteiligt sein dürften. Diese Form des Haarausfalls betrifft im wesentlichen Männer. Bei manchen beginnt der schleichende Haarverlust schon im Teenager-Alter: Im gleichen Maße, in denen der Bart zu sprießen beginnt, wird das Haupthaar schütterer. Über kurz oder lang bleibt kaum ein Vertreter des starken Geschlechts von der androgenetische Alopezie verschont: Unter den 70-jährigen sind rund 80 Prozent betroffen. Dabei ist Haarausfall nicht nur ein kosmetisches Problem: In der Literatur wird für Betroffene ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt und Übergewicht diskutiert.

Weitere Untersuchungen sollen die Rolle der beteiligten Erbgutregionen weiter aufklären, die darauf lokalisierten Gene analysieren und auf der Basis dieser Kenntnisse ggf. ein Gegenmittel entwickeln.

Männer mit Haarausfall für neue Studie gesucht

Als erstes kommt ein Abschnitt auf Chromosom 3 dran, auf dem 34 Erbanlagen liegen. "Keines dieser Gene wird bislang mit der Biologie des Haares in Verbindung gebracht", sagt Dr. Roland Kruse von der Universitäts-Hautklinik Düsseldorf. "Von einem Gen weiß man aber immerhin, dass es bei Alterungsprozessen eine Rolle spielt. Ein zweites bewirkt möglicherweise ein erhöhtes Risiko für Übergewicht - ein Merkmal, unter dem Männer mit Haarausfall häufiger leiden als Menschen mit normalem Haarwuchs. Diese beiden Erbanlagen erscheinen uns für weitere Studien daher am aussichtsreichsten."

Die Forscher wollen nun bei möglichst vielen Männern mit frühzeitigem Haarausfall vor allem diese beiden Gene genauer unter die Lupe nehmen. Stoßen sie dabei auf eine Genvariante, die bei Kahlköpfigen häufiger vorkommt als normal, könnte sie die Ursache für den Haarverlust sein. "Im nächsten Schritt gilt es herauszufinden, welche Funktion die Erbanlage in der Biologie des Haares spielt", erklärt Dr. Hillmer. Für die nächsten Schritte suchen die Mediziner daher Männer unter 39 Jahren mit Haarausfall sowie Männer über 60 Jahre mit vollem Haar. Für die Teilnahme an der Studie sind lediglich eine Blutprobe und ein Foto vom behaarten Kopf erforderlich. Die Teilnehmer erhalten eine Aufwandsentschädigung. Nähere Informationen sind bei Dr. Roland Kruse, E-Mail Roland.Kruse@med.uni-duesseldorf.de erhältlich.

1: Die Studie wurde in der März-Ausgabe von "Nature Genetics" veröffentlicht und ist online abrufbar (http://dx.doi.org/10.1038/ng.84).

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