29.02.2008 Nachrichten    Home
Nachrichten aus den Life Sciences
Schüler an Meningokokken gestorben
Die Keime sitzen bei vielen Menschen im Mund - warum werden sie manchmal gefährlich?

Ein 16-jähriger Schüler aus Mindelheim im Ostallgäu ist an einer Gehirnhautentzuendung gestorben. Das meldete gestern (28. Februar 2008) der Landesdienst Bayern der Nachrichtenagentur dpa. Was die Bakterien (Meningokokken), die diese Krankheit auslösen, so gefährlich macht, beschreiben Forscher der Universitäten Würzburg und Bielefeld in einer aktuellen Arbeit im US-Wissenschaftsblatt PNAS.

Massenhaft Keime in jedem Mund

Ebenso wie der Darm sind auch Nase und Rachen des Menschen von Kleinstlebewesen besiedelt. Bei etwa jedem zehnten Menschen kommen dort als harmlose Bewohner der Schleimhäute unter anderem Meningokokken vor. Von diesen Bakterien gibt es aber auch Stämme, die lebensbedrohliche Blutvergiftungen und Hirnhautentzündungen auslösen.

Kokken

Auf den Schleimhäuten (hier eine Zelle der Mundschleimhaut) drängeln sich die (hier dunkelblau gefärbten) Keime, darunter oft auch Meningokokken. In der Regel sind sie harmlos, doch unter bestimmten Bedingungen können sie in den Körper eindringen und beträchtlichen Schaden anrichten - selbst Todesfälle kommen vor, allerdings sehr selten.

Foto: Wiedemann

Wie die friedlichen Mitbewohner im Lauf der Zeit zu aggressiven Krankheitserregern geworden sind, war bislang unbekannt. Forscher von den Universitäten Würzburg und Bielefeld bieten dafür jetzt erstmals eine Erklärung an. "Betrachtet man die Evolution der Meningokokken, dann waren deren ursprünglichste Vertreter noch nicht von einer Schleimkapsel umhüllt", sagt Professor Ulrich Vogel vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Uni Würzburg. Diese Kapsel sei eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Bakterien in die Blutbahn des Menschen eindringen können.

Allerdings gebe es auch Meningokokken, die zwar eine Kapsel besitzen, aber den Menschen trotzdem nicht krank machen. Beim Wandel zum Erreger muss also noch mehr passiert sein. Was das gewesen sein könnte, dafür haben die Forscher um die Projektleiter Christoph Schön und Matthias Frosch gemeinsam mit Kollegen vom Würzburger Lehrstuhl für Bioinformatik (Tobias Müller und Torben Friedrich) und vom Bielefelder Center for Biotechnology nun Anhaltspunkte gefunden. Ihre Analysen ergaben Hinweise, dass Meningokokken sich zunächst als kapselfreie Erreger von anderen Arten, wie den Gonokokken, abspalteten.

Erst im Laufe der weiteren Evolution bauten sie die Erbinformation zur Bildung der Kapsel in ihr Chromosom ein. Anschließend nahmen sie ein mobiles DNA-Element auf, einen so genannten Prophagen - und das führte dann bei einigen der bekapselten Stämme zur Umlagerung von Teilen des Chromosoms. "Wir nehmen an, dass es nach diesen Umlagerungen zu Veränderungen der Aktivität kritischer Gene kam und dass manche Bakterienstämme dadurch zu Krankheitserregern wurden", so die Wissenschaftler.

Symptome: Hohes Fieber, steifer Nacken

Wenn diese Erreger dann zuschlagen, trifft es meist Kleinkinder, die noch keine ausreichenden Abwehrkräfte aufgebaut haben, oder Teenager, zwischen denen die Erreger mit hoher Frequenz ausgetauscht werden. Die Kranken bekommen hohes Fieber, starke Kopfschmerzen, und - besonders typisch für die Hirnhautentzündung - einen steifen Nacken. Auch Benommenheit, Lichtempfindlichkeit, Gelenkschmerzen und rot-violette Hautflecken können sich einstellen. Im Extremfall kommt es mit einem rasanten Krankheitsverlauf zum Schock. Spätestens dann besteht Lebensgefahr, und etwa zehn Prozent der Erkrankten sterben auch an der Infektion.

Was hilft gegen Meningokokken-Infektionen?

Ganz entscheidend für den Ausgang der Krankheit ist der Zeitpunkt des Therapiebeginns: Meningokokken reagieren sehr empfindlich auf Antibiotika; je früher diese gegeben werden, desto besser. Ein Impfstoff gegen die in Deutschland am häufigsten vorkommende Meningokokken-Serogruppe B, die für rund drei Viertel aller Fälle verantwortlich ist, steht bislang nicht zur Verfügung. Eine generelle Impfempfehlung gibt es in der Bundesrepublik daher nur für die Serogruppe C. Obwohl Meningokokken beim Menschen so häufig vorkommen, treten Erkrankungen allerdings relativ selten auf - pro Jahr werden in Deutschland etwa 600 Fälle registriert. Zum Vergleich: Tuberkulosefälle werden zehn Mal häufiger gemeldet.

Originalarbeit: "Whole-genome comparison of disease and carriage strains provides insights into virulence evolution in Neisseria meningitides", Christoph Schoen et al., PNAS, online publiziert am 25. Februar 2008, doi_10.1073_pnas.0800151105.

Links:

Impressum Home