Ledermüller – Mikroskopieren mit Perücke
gepostet am 15. September 2017 . Möchten Sie kommentieren, kritisieren, richtigstellen, etwas anmerken? Dann bitte nach unten zur Kommentareingabe scrollen!
Einer der interessantesten Mikroskopier der barocken "Zopfzeit" ist Martin Frobenius Ledermüller (1719 - 1769). Zu seinen Veröffentlichungen zählt die "Mikroskopische Gemüths- und Augenergötzung", in der er seine mikroskopischen Beobachtungen mit kolorierten Kupferstichen und ausführlichen Texten dokumentierte.

Ledermüller arbeitete unter anderem mit einem so genannten Sonnenmikroskop, mit dem er das mikroskopische Bild in einem abgedunkelten Raum an die Wand projizieren und einem größeren Zuschauerkreis vorführen konnte. Der Raum hatte ein kleines Loch, durch das mit einer Außenoptik ein Sonnenstrahl gespiegelt wurde. Innen wurde der Strahl in die Beleuchtungsoptik des Mikroskops hineingelenkt. Weil die Sonne wandert, musste außen jemand stehen und den Strahl ständig nachjustieren.

Dieses Prinzip funktionierte aber offenbar einwandfrei und stellte quasi automatisch auch eine Zeicheneinrichtung zur Verfügung: Ledermüller konnte das Bild auf ein in einen Rahmen gespanntes Blatt Papier projizieren und seine Objekte dann direkt abzeichnen. Einige seiner Bilder zeigen diese Einrichtungen sowie andere Teile der damaligen Technik.

Ich will hier nicht weiter auf den höchst abwechslungsreichen Lebensweg dieses Mannes eingehen, Klaus Henkel hat hierzu einen schönen und informativen Aufsatz über Ledermüller geschrieben, der als PDF-Datei im Internet zu finden ist.

Unten einige Beispiele aus Ledermüllers Werk. Alle Bilder seiner mikroskopischen Augenergötzung findet ihr auf meiner Website in der Bildserie Ledermüller.

Die "Mikroskopische Gemüths- und Augenergötzung" erschien 1761 mit 100 Zeichnungen von Ledermüller. Später kam ein Supplement heraus, das weitere 50 Zeichnungen enthält, daneben gibt es andere Werke zu spezielleren Themen wie beispielsweise der Stubenfliege.


 

Titel der Tafel: Das Cuffsche Sonnenmikroskop, nebst der finsteren Kammer
Die finstere Kammer, oben auf der Tafel, das ist Ledermüllers Vorführraum für seine Mikropräparate. Das Sonnenmikroskop war an einen Fensterladen montiert und projezierte die Präparate an die Wand oder auch auf einen Schirm. Lichtquelle war die Sonne, das Fenster mit dem Laden musste also zur Südseite hin orientiert sein und die Vorstellung konnte nur bei Sonnenschein stattfinden.
Unten das Sonnenmikroskop an sich, das von der Londoner Werkstatt J. Cuff hergestellt wurde. Der Originaltext beschreibt die Maße: "Die ganze Grösse der vergoldeten Platte a. beträgt 9 Zoll in der Höhe und 5 nach der Breite, dessen Dicke aber kaum 1/2 Zoll. Der Spiegel ist 7 1/4 Zoll lang und 2 breit, die Röhre aber 6 1/2 Zoll zusammen der Vorlage und im Diameter 1 1/4 Zoll, daher man es gemächlich bei sich tragen kann."
Lichtquelle war die Sonne auf der Außenseite, der Vorführer bzw. sein Gehilfe musste daher ständig an dem Hebel h herumhantieren und den Spiegel so nachjustieren, dass die wandernde Sonne ständig in die Röhre leuchtete. Vorne wurde (ab r) ein sogenanntes Wilsonsches Handmikroskop angeschraubt, in das die Präparate eingelegt werden konnten. Dieses Mikroskop ist auf den Tafeln 5 und 6 der Nachlese näher beschrieben.
Aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig.


 

Trembley hatte beobachtet, dass Hydren in einem abgedunkelten Glas zu einem Lichtloch hinwandern, und das hat Ledermüller zu einer gewagten Aussage animiert: "Indessen habe ich doch an jeder Seite des Polypenkopfes einen grossen dunklen Flecken wahrgenommen, welche ich noch immer für die Augen des Polypen halte, ob ich schon gerne zulasse, dass ich mich habe betrügen können." Immerhin hatte er also selber noch leichte Zweifel, ob der großäugige Polyp, den er hier abgebildet hat, Realität ist.
Tafel aus: Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzungen


 

Der Floh war im Barock ein beliebtes Objekt, das in den vornehmen Salons immer wieder durchs Mikroskop bewundert wurde. Zeitweilig nannte man kleine Hand- und Salonmikroskope einfach nur "Flohgläser". Ledermüller widerspricht bei der Erläuterung zu dieser Tafel einer gängigen These der damaligen Zeit:
"Ich bemerke nur mit wenigen, daß auch der Floh aus einem Ey komme. Er kriecht aus demselben wie eine Made, ohne Füsse. Diese Made wird zur Puppe, und aus der Puppe hupft endlich der Floh.
Es ist daher billig unter die Mährlein der Rockenphilosophie und alten Weiber zu rechnen, was einige, auch so gar Gelehrte, behaupten wollen, als ob die Flöhe und andere dergleichen Inseckten, aus der Fäulung, besonders aus Urin, Sägspänen und Staub entstünden."
Aus: Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzungen


 

Ens veneris ist uns heute kein Begriff mehr. In der damaligen Zeit wurde es als Heilmittel gegen allerlei nervöse Leiden wie beispielsweise die Hysterie oder Hypochondrie verwendet. Es bestand im wesentlichen aus Eisenchlorid. Es wurde hergestellt, indem Salmiak mit Eisen erhitzt wurde. Die dabei entstehenden Eisenchlorid-Kristalle wurden deswegen auch als "eisenhaltige Salmiakblumen" bezeichnet.
Dazu ein Zitat aus Gehlers Physikalischem Wörterbuch (1842):
"Die meisten Metalle treiben aus dem Salmiak das flüchtige Alkali, mit Hülfe des Feuers, ätzend und flüßig aus, und verbinden sich mit der Salzsäure, wodurch Silber und Bley in Hornsilber und Hornbley verwandlet werden. Wenn man aber die Metalle in geringerm Verhältniße beymischt, und eine Sublimation durch starke Hitze veranstaltet, so steigt der Salmiak unzersetzt mit auf, und man erhält metallische Salmiakblumen (Ens Martis, Ens Veneris), oder Verbindungen des Salmiaks mit einem metallischen Kochsalze."
Tafel aus: Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzungen

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