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Ledermüllers Ergänzungen, XIX. Brief

XIX. Brief

Ich dancke Ihnen auf das verbindlichste, daß Sie mir diejenigen Einwürffen Dero leztern Antwort bekannt machen wollen, welche Ihr guter Freund meinem zufälligen Gedanken von der Unsterblichkeit unserer Seele, die doch gar nicht zur Haubtsache gehören, entgegen zu sezen vermeinte.
Ich will sie ganz kürzlich abfertigen, ohne mich dadurch verbindlich zu machen, auf dergleichen Vorwürfe ferner zu antworten.

Was also den erstern betrift, daß man die Verwandlung der Insekten nicht als einen Beweiß künftiger Auferstehung gebrauchen könne, weil die Rauppe während ihrer Veränderung nicht stirbt ec. so ist derselbe so alt, als überflüssig. Swammerdam hat eben dieses auf der 9. Seite seiner Naturbibel gesagt, und ich habe in meinen neulichen Gedanken, Ihnen ja keinen Beweiß damit aufzudringen begehrt. So wahr dieses ist, so unwidersprechlich dienet hingegen diese wunderbare Veränderung zu einem Beweise der Unzulänglichkeit unserer Verstandskräften, wenn wir damit erklären wollen, wie es zugehe, daß in der Rauppe schon diejenigen Theile sein, welche zu der Bildung des künftigen Zweyfalters kommen sollen; wie diese Theile alsdann erst unter der Haut der Rauppe entstehen, wann sie reif zu ihrer Verwandlung ist; und welchergestalten sich die neue Creatur in der Puppe herstellet, oder entwikelt.

Es ist aber dieses nicht der einige Gegenstand in der Natur , welcher unsern Erkänntnuskräften das non plus ultra, vorhält; es hat deren noch gar viele, und ich habe daraus den Schluß gezogen: Daß da dem Verstand, oder der Vernunft, so viele natürliche Dinge verborgen bleiben, oder zu begreifen ohnmöglich sind, so müste demselben das Geheimnus, oder die Möglichkeit einer Auferstehung, oder unserer Unsterblichkeit einzusehen, noch ungleich dunkler und schwerer fallen.

So wenig aber derjenige richtig urtheilet, der die Bewegung der Erde leugnet, weil er sie nicht sehen oder spühren kan; eben so schwach und noch viel unrichtiger handeln nach meinen Begriffen die, welche die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, oder auch eine künftige Wiederkunft, aus Mangel der Einsichten, gänzlich widersprechen.
Elender Schluß: weil dieses oder jenes für meinen Verstand zu hoch ist, well ich es nicht begreifen kan, also ist es auch weder wahr noch möglich.
Kan sich dann die ewige Weißhelt nicht ganz eigene und besondere Mittel hierzu ausersehen haben, die uns verborgen bleiben sollten? Oder ist der Schöpfer schuldig und gehalten gewesen, uns alle seine Weißhelt mitzutheilen? Sind wir denn die vollkommensten Werke seiner Hände? und wissen wir nicht vielmehr selbst aus der Geisterlehre, daß er noch ungleich reinere Wesen erschaffen habe, die doch auch gelüstet in die Geheimnisse des Ewigen nur einen Blik wagen zu dörfen.

Es ist ein grosser Stolz des so eng eingeschränkten Verstandes, wann er sich zum geheimen Minister in dem Rath des Schöpfers selbsten erheben will, da er vielmehr dem Höchsten für diejenigen Erkänntnißkräften demüthig danken solte, die er für einen jeden, nach weisen Absichten, von Ewigkeit her bestimmet hat.

Doch auch Schwammerdam siehet diese natürliche Veränderung nicht so leicht an, als sich ihr Freund, mein Werthster! einbildet. Lesen Sie nur Seine eigenen Worte am Schlüsse, wo er sich also erklärt:
doch geht es damit so wunderbar zu, daß man in der That dafür halten könnte, es wäre ein neues Thier aus dem alten aufgestanden und geboren worden.
und Seite 228. geht er noch weiter.
Wird man diese wunderbare Veränderung vom Mangel zum Überfluß, von einem niedrigen zu einen herrlichen, von einem mühseeligen zu einen glüklichen Leben, auf das Elend, den Tod, und Wiederauferstehung des Menschen anwenden, so wird diese Geschichte überdem daß sie sehr wunderbar ist, seinen guten Nutzen haben, und zur Verherrlichung des Schöpfers, angewendet werden können.
Hier wird man dann sehen, daß ein elendes Thier allmählich alle Bewegung seiner Gliedmassen verlieren, und als wie zum Grab und Tod, sich nähern wird; und wie in diesem Zustand alle seine vorige Gliedmassen zu einer viel grössern Vollkommenheit gelangen, und gleichsam aus dem Tod wieder schöner auferstehen sollen.

Was heißt nun aber diß gesagt? Sind dieses nicht eben diejenigen Gedanken, die ich Ihnen neulich mitgetheilet habe?
Ich bin so unwissend in der Geschichte der Insekten nicht, daß mir unbekannt sein solte, wo man die Theile des Zweifalters, in der Raupe schon aufzusuchen habe. Ich will auch zulassen, daß die Rauppe vom allerersten Anfang ihrer Veränderung, bis zur Hervorbrechung des Schmetterlings, das Leben behalte, welches bis daher keine lebendige Seele aus der Erfahrung behaubten, oder widersprechen kan. Man wird aber auch gegentheils so billig sein, und mir zugestehen, daß sehr viel geheimes und wunderbares bey eben dieser Veränderung zu betrachten vorkomme. Denn wann schon einige Theile des Zweifalters, als die Füsse, etwas vom Kopf, und die Brust, an der Rauppe sind; so werden doch die neuen Augen, die Fühlhörner, Der Saugrüssel, die 4. Flügel, und die so verschiedenen prächtigen Federn auf den Flügeln und auf dem ganzen Leibe des Sommervogels, ja die nun so sehr veränderten Füsse, wie auch der Eyerstock und die Zeugungsglieder ec. neue Theile und Glieder des Zweifalters sein. Noch mehr. Die vesten Theile der Rauppe zerfließen in der Puppe, werden zu einen halbdiken halbflüßigen milch- oder sulzenähnlichen Teig, den man deutlich mit blosen Augen sehen kan, wann man die Puppe den dritten, vierten, oder fünften Tag eröfnet. Dieser Saft verwandelt sich abermals nach und nach in die erst benannten neuen und vesten Theile, und nach des Herrn Lyonnets neuesten Beobachtung, werden so gar die innersten Theile des Vogels, der Magen und die Gedärme, verändert. Kurz der Zweifalter stehet der Rauppe, zumal bei den Nachtvögeln, in keinem Stuke mehr ähnlich, und man siehet vielmehr ein ganz neues Geschöpfe aus der Puppe hervor brechen.

Solte aber ein billiges Gemüth es mir übel auslegen können, wann ich mir angenehme Vorstellungen wegen meines künftigen Zustandes, daraus ziehe? Und wann es auch ein Irrthum wäre, so ist er mir so angenehm, als jenem bekannten grosen Römer das Bild ware, welches er sich von seiner Unsterblichkeit vorstellte. Allein ich schlüße, und verspreche Ihnen, so bald es sich nur thun lassen wird, eine Beobachtung zu wiederhohlen, welche ich bereits vor drei Jahren nach Swammerdams Anleitung angestellet habe, und denenselben eine also geöfnete Rauppe und Puppe zu überschiken, daß Sie unter dem Balge, oder der Haut der erstern, schon die Spuren der Flügel, der Fühlhörner und der Gäbelein; unter der Schaale der Nymphe, oder Puppe aber die übrigen Theile, die Fühlhörner, den Säugrüssel, die neuen Füsse und die Flügel deutlich sehen werden. Neulich erhielten Sie zwar die Puppe der Wolfsmilch Rauppe von mir; es ist mir aber ohnmöglich gewesen, äuserlich an ihrer ziemlich harten Schaale, alle diese Theile vollkommen zu sehen, und abzuzeichnen. Sie sollen daher solche bei einer bessern Gelegenheit noch vollkommener von mir empfangen.

Hiermit verhoffe ich, den ersten Einwurf genugsam widerlegt zu haben.
Der zweite braucht noch weniger Mühe, in seine wahre Ungültigkeit gesezt zu werden. Derjenige, welcher diese Beschuldigung mir aufbürden wolle, darf nur meine Worte noch einmal durchlesen, welche er vermuthlich aus einem Vorurtheil wird übersehen haben; so wird er deutlich überzeugt werden, daß ich der Vernunfft ihr Vorrecht vollkommen vor dem Köhlerglauben zugestanden, und denjenigen glücklich gepriesen habe, der alles wohl prüft, und das beste behält. Ich weiß, Gott Lob! gar wohl, mit wie vielem und grosem Dank die alte und neue Welt denjenigen großen Männern verpflichtet bleiben muß, welche Seneka, viros alti spiritus, Männer von erhabnem Geiste und erleuchteter Seele, nennet.
Das Alterthum hatte seine grosen Geister an eurem Archimed, Archyt, Euklides, Plinius und noch vielen andern, und wir haben sie an einem Baco, Newton, Leibniz, Wolf und ungleich mehrern aufzuweisen, und ihre Entdeckungen sind viel zu wichtig , als daß man sie nicht als Ausflüsse groser Geister, Kinder des Verstandes und Geburten der Vernunft, verehren solte.

Wir durchreisen durch Hülfe des Verstandes, und nach der Anweisung dieser berühmten Männer, die unergründlichen Tiefen des fürchterlichen Meers mit eben der Gewißheit und Unerschrockenheit, als die veste Erde. Wir messen die Himmel, und die Meere, zehlen die Sterne, und durchforschen die unterirdischen Gründe der Erden. Die Eigenschaften der Luft, der Winde, des Feuers, und aller Elementen und Meteoren, wissen wir durch die Stärke unsers Verstandes, und vermittelst der Kräften unserer Vernunft, mit hundert andern Künsten und Wissenschaften zu bestimmen, zu beschreiben, und andern zu lehren. Man sagt uns schon hundert und mehr Jahre zuvor, was an dem Firmamente für Veränderungen vorfallen, wann diese, oder jene Cometen wieder kommen, und wann Sonnen- oder Mondes-Finsternissen erscheinen werden; und es treffen diese fast zauberischen Vorhersagungen bey einer Stunde zu. Und ist wohl vor den eifrigen Naturforschern ein Kräutchen, eine Pflanze, Blume, Staude, oder ein Baum, ein Thier, ein Insekt mehr sicher, das nicht hervorgezogen, entdeckt und zergliedert wird? Der Verstand ist noch lange nicht mit dem zufrieden gewesen, was er mit blosen Augen sehen konte; er machte sich neue und schärfere Augen, vermittelst der Vergrösserungsgläser, und entdeckte damit neue Welten. Welch eine Glückseeligkeit liegt also in diesen himmlischen Gaben, in der Vernunft und dem Verstande! Sie sind gleichsam Ausflüsse der ewigen Weißheit, wodurch wir hauptsächlich von den unvernünftigen Geschöpfen unterschieden werden. Und wer solle dieses nicht erkennen?

Jedoch, so groß auch diese Gaben sind, so gewiß haben sie zu gleicher Zeit ihre Schranken, und das Maas ihrer Grösse von ihrem unbegreiflichen hoechsten Urheber erhalten. Es ist noch kein Mensch gebohren worden, der nur in natürlichen Dingen allwissend gewesen wäre, und die meinsten haben zuletzt bekannt, daß sie noch sehr vieles zurücke gelassen hätten, daß ihnen unbegreiflich geblieben wäre.

Man darf nur das Verzeichniß von den verlohrnen Künsten und Wissenschaften ansehen , welche anfänglich mehrentheils von einem glücklichen Zufall gebohren worden; so wird man gestehen müssen, daß man Ursache habe, sich zu schämen, weil wir auch nicht einmal dasjenige mehr mit unserem Verstande nur herbey bringen können, was wir verlohren, oder vergessen haben.

Und wie viele Dinge sind uns nur alleine in dem Reiche der Natur, theils noch verborgen, theils zu begreifen ganz ohnmöglich?
Doch ehe ich auch diese Rechtfertigung schlösse, ersuche ich Sie, mein Werthester, an diejenigen erlauchten Männer bei dieser Gelegenheit noch zu gedenken, deren Methoden, Systeme, Lehren und Schriften, mit ihrem Leben und äuserlichen Bezeigen sowenig überein gekommen sind, daß sie vielmehr gerade das Gegentheil davon zuTage gelegt haben, wie z.B. von dem Hobbesius bekannt ist, daß er, ob er gleich alles leugnete, dennoch so furchtsam war, wie ein Kind. Auf gleiche Weise lachte Tücho Brahe über diejenigen, welche sich bei Sonnenfinsternissen fürchteten; allein wann ihme am Morgen ein altes Weib begegnete, so hielt er es für ein böses Zeichen, und gieng sogleich wieder zurücke nach Hause.
Vossius spottete über die Bibel, und glaubte doch die lächerlichsten Märchen, die ihm seine losen Freunde aus China und Japan erzehlten.
Von dem Demosthenes ist bekannt, daß er zwar mit in die Schlacht gieng, den Soldaten durch seine Beredsamkeit die Furcht vor dem Tode zu benehmen, er aber das Haasenpanier, aller seiner Weltweisheit ohngeachtet, zu allererst aufsteckke, und einen alten Dorn, oder abgehauenen Kloz, an welchem er auf der Flucht mit seinem langen Gewande hangen geblieben ist,um aller Götter willen bat, ihm das Leben zu schenken.

Blondell, dieser so berühmte Französ. Arzt, scheute sich nicht zu behaubten, die Quniquina Wurzel habe ihre Kraft einem Pact, oder Vertrag zu danken, den die Amerikaner mit dem Teufel gemacht haben. Welch eine Meinung von einem Arzte, der sonst ein guter Naturforscher zugleich gewesen ist!

Eben so verhält sich nun auch das Lehrgebäude unserer sogenannten starken Geister. In welch elender Gestalt erscheinen sie bey sich ereignenden harten Fällen, in Krankheiten, im Unglücke, bey Donnerwettern, besonders aber bey herannahendem Ende ihres Lebens? Wie zeigen sie da gemeiniglich die gröste Schwäche ihres Geistes! Wann nun also die Vernunft, oder der Verstand so verschiedene Früchte hervor bringt, und noch so viele natürliche Dinge als unbegreiflich vor sich sehen muß; so wird mir erlaubt seyn, noch einmal zu sagen und zu glauben, daß es demselben nicht zukomme, noch anstehe, Geheimnissen zu widersprechen, oder sie für ohnmöglich zu erklären, deren Tiefen er nimmermehr ergründen kan. Am wenigsten aber darf er die Unsterblichkei! läugnen, weil er sie nicht einzusehen vermag. Dieses wird genug seyn, auch wider den zweyten Vorwurf mich zu rechtfertigen. Ich bitte wegen dieses langen Schreibens um Vergebung, und ersuche Sie, in des vortreflichen Herrn Profeßor Formens Christlichem Philosophen und dessen zweyten Theil, die IV. Abhandlung von der Ausschweiffung des Unglaubens nachzusehen. Ich bin zum voraus überzeugt, daß Sie mit mir eingestehen werden, daß man alles in diesem erhabnen Stücke findet, was man wider die Frechheit der Freydenker gründliches und eingreifendes zu sagen und zu schreiben vermögend ist. Ich wünschte wenigstens, daß es von allen Freidenkern gelesen werden möchte, und verharre, ec.


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