Bewie 's Mikrowelt Die Puppen der Chochenille
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Bild aus: Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzungen, Tafel 44

„Die Puppen der Cochenille“ heißt dieses Kapitel. Ledermüller hat sich mit dem Thema Cochenille ziemlich ausführlich beschäftigt und hier auch einmal beschrieben, wie er arbeitet, denkt und analysiert – was für die wissenschaftliche Arbeit in der Barockzeit durchaus typisch sein dürfte. Deswegen im folgenden der komplette Text des Kapitels:
Als ich vor einiger Zeit die Ehre hatte mit einem grossen Gelehrten von der Cochenille zu reden, und derselbe mir zu erkennen gegeben, daß man dieses Insekt mit Unrecht unter die Classe der Käfer neuerlich setzen wolle, so gab mir dieser Umstand Gelegenheit, der Sache näher nach zu gehen, um womöglich die wahre Eigenschaft dieser Kreatur mehrers ausfündig machen zu können. Zu dem Ende habe ich nicht alleine alles das beinahe gelesen, was von diesem kostbaren Inseckt in Schriften bekanntgeworden, sondern auch eine ziemliche Menge von getrockneter Cochenille hier und dar durchgesehen, endlich aber verschiedene Hülsen und Käfer darunter gefunden, so vollkommen denenjenigen ähnlich sahen, welche der Ritter Sloane in seinem kostbaren Werk „A Voyage tho the Islands etc.“ auf der 99ten Kupfertafel vorgestellet, und die ich auf der 28sten Platte meiner Ausgaben ebenfalls getreulich nachgezeichnet und beygefüget habe.
Ich glaubte daher, daß die Cochenillen allerdings unter die Käfer gehören und nur durch das gewaltsame Abtrocknen an der Hitze, wie auch durch das Einpacken, ihre Flügel und Bärthe müsten verloren haben. In dieser Meinung wurde ich noch mehr bestärkt, als ich in des Herrn Ritters Linnäus Natursystem, welches ich zu Rathe gezogen, die Cochenille ebenfalls in der Classe der Käfer gefunden. Ja was noch mehr zu meiner Verirrung beigetragen, war die Beschreibung der surinamischen Inseckten, so die berühmte Merianin in surinam selbsten nach dem Leben abgebildet und geliefert, in welcher die Cochenille scarabaeolus nigricans alarum limbis rubicundis genennet worden. Ich hatte also bei so statthaften Beweissen, ja bei der Erfahrung selbsten, da mir sozusagen der Glaube in die Hände und der schwärzlichte Cochenille Käfer mit seinen rothgelben oder zimmetbraunen Kugelflecken auf denen schwarzen Flügeln, so oft zu Gesichte kame, gar keine Ursache mehr übrig, daran zu zweifeln.
Indessen leugne ich gar nicht, daß ich mich deme ohngeachtet betrogen habe. Von ohngefehr fiel mir bey, die Hauptprobe damit zu machen. Ich legte nemlich diesen kleinen Käfer, dessen Rücken und Flügelich auf dieser 44sten Kupfertafel bey a. natürlich und bey b. vergrössert, bey c. und d. aber von der seite des Bauches abgebildet habe, erstlich in kaltes, dann in warmes Wasser, um zu erfahren ob er gleich der Cochenille dasselbe roth färben würde? Alleine meine Mühe und Gedult ware vergebens. Das Wasser blieb ungefärbt und wollte nichts wenigers als roth werden. Wenn ich nun auch seine übrige Gestalt gegen die Cochenille halte, und betrachte, wie weit beede voneinander auch in der schwehre ihres Körpers, abweichen, so überzeugt mich alles dieses, daß dieser Käfer zu einer ganz andern Art und vielleicht zu unsern deutschen sogenannten Hergotskühlein, und keineswegs zur Cochenille, als welche weder Flügel noch Barthkäulen hat, zu setzen seye.
Es wird demnach die natürliche Geschichte der Cochenille so lange noch unvollständig bleiben, bis etwa ein Liebhaber der Naturkunde, sich die nimmt, durch Reißende oder Schiffspatronen, einige Cochenillwürmer, wo nicht lebendig auf indianischen Feigenblättern, doch wohlbehalten, ganz, und ungeröstet, mit allen Theilen, aus Mexico zu uns zu bringen oder wenigstens, durch vertraute, redliche und geschickte Personen, noch lebendig auf der Opuntia oder in Nestern, sowohl nach dem blossen Auge als durch das Vergrösserungsglaß, abzeichnen und mahlen zu lassen, und überhaupts dasjenige noch zu ersetzen, was besonders in Ansehung ihrer Begattung, Befruchtung und Fortpflanzung, sowohl vom Herrn Ruyscher als andern, die dieses Inseckt beschrieben, zu bemerken unterlassen worden. Bis dahin dörffte wohl ihre Claßification Anstand nehmen können.
Ich aber will indessen noch gar anmerken, was etwa von der Cochenille zu berühren seyn möchte. So vermischen nemlich die Türken die Cochenille mit einer andern Farbe, welche sie auch aus dem Pflanzenreiche zu seyn glauben und von ihnen Bazgendes, von den Franzosen aber Baizonges genennet wird. Wovon mit mehrern Mons. Savary in seinem Dictionaire du Commerçe nachzusehen. Es sind aber diese Bazgendes keine Pflanzen- Körner, sondern auch Inseckten, welche der Herr von Reaumür glaubt, daß sie in der Provence gefunden werden und von denen man in den Gärten des Herrn Grafens von Suze an Terebinthen Bäumen häufig angetroffen hat. Vielleicht ist es unser Coccum Polonicum. Was auch für einen ansehnlichen Vortheil nur von diesem einigen Inseckt die Handlung ziehe, ist daraus abzunehmen, daß die Spanische Flotte, bey ihrer jedesmahligen Zurückkunft von Mexico , bey dreytausend Zuronen Cochenille mit herausführe, ohne was die Englische Gesellschaft von Aßiente und die übrigen Schiffe von denen Azogischen und Aßientischen Compagnien, mitbringen. Der Herr Deneufville sezt jährlich für gewiß 4400. Zürons, jedes à 2oo. Pf. so jährlich achtmalhundert und achtzigtausend Pfund betragen wird. Wenn man nun das Pfund feine Cochenille nur für 1o. Holländ. Gulden rechnet, so wird man eine Summe von mehr als 1 Millionen Livres französ. Geldes heraus bringen. So viel trägt nur der Cadaver eines einigen Insecktes der Handlung ein. Uebrigens ist die Kraft zu färben und die Theilbarkeit der Materie an der Cochenille so groß, daß wie Boyleus angemerkt, 1. Gran fünfundzwanzigtausend Theile gefärbet hat. Der berühmte Chymicker, Herr Neumann, färbte mit 1. Gran Cochenille Extrakt, vier Pfund gemeinen Wassers bleichroth. Ein einiges Würmlein, welches den dritten Theileines Granes schwer ist, färbt, ohne zerstossen zu seyn, eine Maaß Wassers.
Den Nuzen so dieses Inseckt in denen Apotheken schaft, wird man am sichersten in der so gelehrt als anmuthigen Dissertation de dignitate Purperae e Cocheinella in medendo und gewiß nicht ohne ungemeine Zufriedenheit, finden können. Sie ist 1753 zu Erlang unter dem Praesidio des Herrn Hofrath und Prof. Delius, pro Gradu vom Herrn D. Schauern vertheydiget worden, und enthält zugleich eine kurzgefaßte Geschichte dieser rothfärbenden Kreaturen.
Endlich habe ich auch noch viele Puppen Hülsen unter den Cochenillen gefunden, welche, wann sie offen waren, mit kleinen Cochenill Würmern angefüllt gewesen. Eröfnete ich aber eine verschlossene Hülse, so sahe ich allemal eine Puppe darinnen, so entweder noch in einer weissen wollichten Haut eingehüllet oder schon aus derselben entwickelt ware. Ich halte sie für die Puppen von obgedachten Käferlein a. c. das sich ebenfals unter der ächten Cochenille zum öftern findet. Wie man denn auch Muscheln darunter sichet. Und somit möchte ich wohl von der Cochenille und deren verschiedenen Arten, wo nicht eine vollkommene, doch eine zulängliche Nachricht gegeben haben.
Ich schliese also diese Materie mit der Erklärung der 44sten Kupfertafel.
a. ist der von dem Ritter Sloanne und der Merianin beschriebene kleine schwärzlichte Käfer mit den braunen Flecken, den beede für die Cochenillegehalten, der aber nichts wenigers als ein Cochenillkäfer ist.
b. Ist derselbe vergrössert.
c. Zeigetden Bauch dieses Käfers in natürlicher Grösse; und d. vergrössert.
e. Ist eine ver schlossene Hülse in natürlicher Grösse; f. Vergrössert.
g. Eben diese Hülse geöfnet mit der darinnen befindlich gewesenen Puppe h.
i. Ist eine geöfnete Hülse, welche bey k. vergrössert abgebildet worden, aus welcher das darinn verschlossen gewesene Inseckt selbsten gebrochen.
1. Eben diese von unten anzusehen m. Eine kleine mausfarbe schneckenmuschel, davon man verschiedene unter der Cochenille findet.
n. Eben diese vergrössert.


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