Ein Fühlhorn vom Seidenwurmvogel nebst seinen Samenthierchen
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Bild aus: Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzungen, Tafel 76

Eine Bartkäule oder ein Fühlhorn vom Seidenwurmvogel, nebst seinen Saamenthierchen.
Das große Bild zeigt also den Fühler eines Schmetterlings und zum kleineren Kreis oben links erzählt Ledermüller eine Geschichte:
So viele und betrachtenswürdige Schönheiten, an diesem sonst so unansehnlich scheinenden kleinen weissen Schmetterling überhaupts, durch das Vergrösserungsglas entdeckt werden können, so viel schönes und vortreffliches lässet sich nur allein an seinem Bart, an seinen beeden Fühlhörnern, bewundern. Dieser prächtige Kopfputz enthält zwey herrliche Federsträuße, womit eine jede Seite seines Gesichts geschmücket ist, und davon der zur rechten Seite allhier, bey a. natürlich, bey b. aber durch die Linse Num. 5. vergrössert, so vorgestellet ist, wie ich ihn unter dem zusammengesetzten Marschallischen Mikroskop, beobachtet und abgezeichnet habe. Beede Fühlhörner sitzen gleich an den Augen, und bestehen aus einer langen hornbeinigten, immer spiziger zulaufenden und mit Federn besetzten Röhre, an welcher zu beeden seiten 3o. braune hole Kiele oder Röhren hinaus lauffen, welche ebenfalls auf beeden Seiten, gleich den Gännskielen, mit feinen Haarfedern besetzt sind, wie die Figur b. den g.L. deutlicher zu erkennen geben wird. Da mir aber auch zu gleicher Zeit, bey Betrachtung meiner Seidenwürmer und deren Verwandlung, ein ganz besonderer Umstand zu Gesichte gekommen, den ich aller meiner Aufmerksamkeit werthgeachtet, so kan ich nicht umhin, solchen allhier aufrichtigst mitzutheilen und jedermanns Prüfung zu überlassen.
Vor ohngefehr sechs Wochen, sind mir aus fünf Goldpuppen von Seidenwürmern, zwey weibliche und drey männliche Vögel, jedech zu verschi.dener Zeit, geschloffen. Ich will hier die ganz unbegreifliche Zeugungsbegierde dieser Art sommervögel, nicht beschreiben; denn schwammerdamm, Malpighi und Leeuven hoeck, haben schon genug davon gemeldet.
Es soll mir genug seyn zu versichern, daß als das Männchen, welches den 4. August durchgebrochen, und noch keine viertel Stunde seine Hülle verlassen, auch durch Weglassung seiner rothgelben Feuchtigkeit sich gereiniget hatte, dasselbe sogleich dem Weibchen, welches ebenfalls noch keine halbe Stunde ausgeschloffen war, zugeeilet, um sich mit der grösten Hitze mit demselben zu begatten; welches Vormittag um 10.Uhr geschehen. Des andern Tags, um 3. Uhr Nachmittag, kam das zweyte Männchen hervor, als das erstere noch immer an dem Weibchen hienge.
Ich habe mit Erstaunen bemerkt, daß dieser neue Mann, fast in dem Augenblick, da er aus der Puppe gekommen, das Daseyn eines Weibchens zweiffelsohne aus dem Geruch, spührte. Er flatterte sehr eilfertig und hitzig auf dem Pappier forschend herum, und reinigte sich auch viel geschwinder als der erstere Mann.
Damit er aber nicht zu geil werden sollte, sonderte ich das erste Paar von ihme ab; und da ich auch bey dieser Gelegenheit das erstere Männchen von dem Weibchen loßgerissen, setzte ich das Weibchen an einen entfernten Ort, die beeden Männer aber zusammen in ein Kästchen.
Hier sahe ich nun neue Wunder der Natur. Denn kaum war der von dem Weibchen gesonderte Mann, zu dem andern auf das Pappier gekommen, so fieng dieser auf einmal wiederum an, mit seinen Flügeln zu schlagen und dem Geruch nachzugehen. Er flatterte auch würklich das erstere Männchen; und nachdem er über eine halbe stunde mit unzählichen Schmeicheleyen, das vermeynte Weibchen zu bewegen suchte, sahe ich endlich beede Männer, mit niedergeschlagenen Flügeln, sehr betrübt auseinander gehen.
Auf dem Platz aber, den sie verlassen, entdeckte ich eine flüßige, weisse Milch ähnliche Materie, welche derjenigen sandfarben Masse gar nicht ähnlich sahe, welche diese Vögel, wie ich vermuthe zu ihrer Reinigung, sobald sie ausschliefen, fahren lassen; und daher glaubte ich, daß es das Sperma virile seyn könnte. Ich habe mich auch daran nicht betrogen. Denn als ich mein Handmikroskop geschwinde zur Hand genommen und etwas von dieser weissen schleimigten Feuchtigkeit untersucht hatte, so sahe ich gar deutlich, ein Heer, eine unbeschreibliche Menge lebendiger Saamenthierchen, welche in einer ungemein lebhaften, verschiedenen und freywilligen Bewegung, von einem Ort des Glases, der vertrocknen wollte, zu dem andern, wo noch etwas flüßiges Sperma war, eilten, und ihr Leben zu retten suchten. Ich gestehe aufrichtig, daß ich anfänglich selbsten an dem was ich sahe, zweifelte. Als keene zween Tage darauf ein Weibchen gestorben, und ein Männchen gleich wohlen noch den todten Körper geflattert, und abermalen einen guten Theil Saamen dabey verlohren, so machte mich diese zweyte Beobachtung, welche noch ein paar andere Personen mit mir gesehen, nunmehro in meinen Beobachtungen gewiß, und ich habe mit der Figur c. diese Saamenthierchen vom männlichen Seidenwurmvogel, so getreulich vorgestellet, wie ich sie im Handmikroskop, durch das Gläschen No. 00. in eben der Grösse und mit ihren gar kurzen Schwänzchen, welche Schwänzchen ich aber unbeweglich sähe, scharf und deutlich beobachten können.
Da es ohnehin Liebhaber genug hat, welche Seidenwürmer aufzuziehen pflegen, so wird es leicht seyn, diese Beobachtung täglich zu prüfen und nachzusehen, ob ich gründlich gesehen habe oder nicht.


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