Stichworte: Historie, Ledermüller, Mikroskopie, aus Bewie's Mikrowelt

Ledermüllers Ergänzungen, X. Brief

X. Brief

Schon wieder Mikroskope? Wie Verdrüslich ist dieses. Nein mein Freund, lch will Sie diesmal verschonen, um ihre Gedult nicht zu mißbrauchen. Sie empfangen hier verschiedene Beobachtungen die Sie ebenfalls nachmachen, prüfen und untersuchen sollen. Verzeihen Sie mir aber, wann ich Ihnen nicht zu gleicher Zeit bey der Erklärung der XVI. Tafel alles das erzähle, was man von dem Wachsthum und dem Spanischen Rohre selbsten sagen kan, noch bey der Beschreibbung der XVII. eine völlige Geschichte der Löwen, Bären, Raupen und Maulwürfe, mittheile.
Lachen Sie über diese Entschuldigung ja nicht, mein Gönner! Ich habe sie zwar nicht bey Ihnen, aber bey denjenigen sehr nöthig, welche dergleichen unverantwortliche Weitläuftigkeiten bereits von mir gefordert haben.
Meine mikroskopischen Ergötzungen finden mancherley Leser. Unter diesen sind einige, die in der That so viel von mir begehrt haben, daß ich, wann ich ihren Verlangen ein Genügen leisten würde, zu einer jeden Vorstellung wenigstens sechs gedruckte Bögen nöthig hätte.
Ich weiß Ihre Denkungsart; und nach dieser können Sie nicht mehr von mir verlangen, als billig ist. Möchten doch alle Leser so gesinnt seyn! Dann alsdann würden sie auch alle einsehen, daß ich zu nicht mehr verbunden seye, als zu melden, wie sich das beobachtete Objekt, dem Auge vorgestellet, was ich für Gläser und Handgriffe dabey gebraucht, und was das merkwürdigste an der Kreatur sey, die ich entweder ganz, oder nur nach einen Theil abgebildet habe.
Jedoch ich will diesen und alle übrige unverdiente Vorwürfe mit dem Urtheil des hochberühmten und verdienstvollen Herrn Verfassers der Gesellschaftlichen Erzählungen beantworten, und diejenigen, die ein mehrers wissen wollen, bitten, entweder mich wegen des engen Raums zu entschuldigen, oder sich ein Buch, in welchen sie alles beysammen, und noch mehr, als was sie verlangen, finden können, nehmlich die 8. Theile des Schauplatzes der Natur von dem Abt Plüsche anzuschaffen. Da finden sie was sie bey mir vergeblich suchen, und ich hoffe, daß diese Herren sich mit dieser redlichen Anweisung befriedigen werden können.
Ich komme aber wieder zu meinen heutigen Beobachtungen, die Sie hier beygelegt finden. Die
XVI. Tafel Ist eine queer geschnittene Scheibe von einem Spanischen Rohr.

Titel der Tafel: Quer geschnittene Scheibe von einem spanischen Rohr.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Mir schien die Betrachtung derselben sehr anmuthig zu seyn. Es hat dieses Rohrholz verschiedene Saft und Luftgänge, deren einige sehr weit, andere ganz ungemein enge geschlossen sind. a. Giebt Ihnen die natürliche Größe dieses Scheibchens zu erkennen, b. aber, dessen vergrößerte Abbildung durch ein englisches Glas Numer 6. wo c. die größten Poros vorstellet, davon einige mit durchlauffenden Holzfiebern d. zu sehen, andere aber kleiner, und wieder andere so gar enge sind, daß man ihre Oefnung kaum sehen kan, es sey denn, daß man eine stärkere Vergrößerung dazu gebrauchet. Durch das Sonnen-Mikroskop ist diese Vorstellung an der weisen Wand noch angenehmer anzusehen, wo auch die allerkleinsten Saft- und Luftröhrchen sich deutlicher und größer erkennen lassen. Die großen Löcher, oder Oefnungen stehen in einer Vertiefung e. welche aus unzählig kleinern bestehen; die sich aber, wie erst gedacht, nur durch Numer o. oder an der weisen Wand, offen erkennen lassen. Wollen Sie ein solches Scheibchen haben; so schneiden Sie nur etwas, ohngefehr eines Messerrücken dick, von Ihrem Spanischen Rohre ab, legen diesen Theil in ein Wasser, und lassen es 14. Stunden darinnen etwas weichen. Alsdann schneiden sie mit einem sehr scharffen Scheermesser ein Scheibchen oben davon weg, das so dünne, wie ein Mohnblätchen seyn muß, und bringen es, wie gewöhnlich, zwischen die zwey Gläsgen im Schieber, damit es glat und eben bleibe, ehe es vertrocknet; sonst wirft es sich, wie ein Pergament auf einen warmen Ofen, welches aber zum beobachten so unsicher, als unbequem ist, und nur eine unrichtige Abzeichnung verursachet.

Nun finden Sie auf der
XVII. Tafel Haare von Thieren und Insekten.

Titel der Tafel: Haare von Thieren und Insekten
a: senkrecht in der Mitte: Das Haar eines Löwen (von einem lebendigen Löwen, wie Ledermüller betont).
b: gerade diagonal von links oben nach rechts unten: Haar eines schwarzbraunen polnischen Bären.
c: gerade diagnonal von links unten nach rechts oben: Haar einer Bärenraupe, also von einer Insektenlarve.
d: gebogen von links unten nach rechts oben: Haar einer Borstenraupe
e: gebogen von links oben nach rechts unten: Ein Maulwurfshaar.

Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Vielleicht haben Sie bis daher geglaubt, Löwen und Bären müssen etwas ganz besonderes an ihren Haaren haben; Sie werden aber aus deren getreuen Abbildung finden, daß sie sehr wenig von den unsrigen unterschieden sind.
Ohngeachtet in hiesig prächtig-Hochfürstl. Naturalien-Kammern sich Löwen und Bären aufgestellt befinden, von denen ich zum öftern die Haare beobachtet, und mit diesen gleichförmig befunden; so habe ich doch diese von einem lebendigen Löwen und Bären genommen, als in den vorigen Jahren dergleichen Thiere hier öfentlich zu sehen waren.
Das Haar vom Löwen, und zwar aus dessen Mähne, unterscheidet sich von andern durch seine durchlaufende sehr starke Markröhre, welche mehr, als noch einmal so dick, gegen den Haaren des Bärens erscheinet. Und diese sehr starke braunrothe Markröhre ist auch in den übrig feinern Haaren des Leibes an den Löwen, zu sehen.
Die übrigen Netzartig geflochtenen Häute, die dieses Mark umgeben, sind so hell und durchsichtig, als an den Haarn der Menschen.
Was mir aber am merkwürdigsten bey dieser Beobachtung in die Augen gefallen ist, war die starke Ausdünstung, wenn ich mich anderst also ausdrucken darf, welche dieses Haar, als es zwischen die zwey Schüsselförmigen Gläser in den Schieber gelegt wurde, von unten bis oben und auf beiden Seilen sehen lies.
Ich weiß nicht, ob dieses von dem Drucke des Glases, oder einer andern Ursache hergekommen ist. Genug, daß sich mir sehr viele kleine Perlen-färmige weise Tropfen vor dem Auge zeigten, die aber durch keine geringere Gläser, als durch Numer 1. o. und oo. zu entdecken waren. In dem Sonnen-Mikroskop sah man sie auch schon durch Numer. 5. und noch grösser, an der weisen Wand. Bey den Menschenhaaren beobachtet man ebenfals diese Austrettung der Haarsäfte; aber nicht so häufig, und nicht von so grossen Tröpfgen.
Das Haar von einem schwarzbraunen polnischen Bären hat mir diese Saftdünste nicht sehen lassen. Die Saftröhre desselben sowohl, als die Nezartige Haut war zwar viel dunkler, aber nicht so breit; ohngeachtet ich beide durch ein Glas, nehmlich durch Num. 1. beobachtet hatte.
c. Ist ein Haar von einer Bärenraupe, einem Insekt, welches besonders von den Schlupfwespen viele Verfolgung, ja selbst seinen Tod beständig zu befürchten hat. Denn diese Art von Wespen leget ihre Eyer in den dicken Balg dieser Raupen.
Wenn nun die Jungen auskriechen; so muß das Fleisch der armen Raupe den Jungen zur Nahrung dienen, bis sie gros genug sind, anderswo dieselbe zu suchen.
Sie werden öfters, mein Freund, ein empfindliches brennen an den Fingern gespührt haben, wann sie diese fürchterliche Raupe, zwischen die Fingere genommen; gleichwie ich ebenfals gar oft erfahren, und allemal mit dem brennen der Nesseln verglichen habe.
Damit ich Ihnen nun die Ursache davon mltzutheilen im Stands war; so zeichnete ich eines von den Haaren dieser Rauppe ab, welches ich durch mein Streicherisches Glas Numer oo untersuchte, um einen Abriß davon den andern Haaren auf dieser siebenzehenden Tafel beyzufügen. Sie werden aus den vielen Dornenähnlichen Spitzen gar leicht absehen können, was Sie so empfindlich in die Finger gestochen habe.
Ein Zweig von einem Rosenstrauche hat lange nicht so viele Dornspitzen, als ein solches Haar; und sie sind so hart, wie Horn. Die Farbe desselben ist goldgelb, an manchen Orten auch rothgelb, und hellbraun. Eine Saftröhre habe ich in demselbigen so wenig entdecken können, als in dem Haar der kleinen Borstenraupe d. welches wegen seiner ganz besondern Zierlichkeit, vor allen andern Objekten eine Abzeichnung verdienet. Es ist auf allen 4. Seiten ringsherum in richtiger Abtheilung mit kleinen spitzigen Dornen besetzt, so, daß eine jede Abtheilung einer kleinen Krone von vier Spitzen ähnlich ist. Mir kam es vor die Augen, als wenn viele kleine gelbe Hollunderblümchen in einander gesteckt wären, gleichwie zu weilen die Kinder dergleichen Kränzchen von blau, oder weißer Hollunderblüthe zu machen pflegen. Diese Haare selbst sind viel feiner, dünner, geschmeidiger und spitziger, als an der Bärenraupe; sie sind aber nicht so empfindlich in der Hand; weil vielleicht die Dornen daran nicht so groß, hart, lang und dicke sind, als bey der Bärenraupe. Ihre Farbe ist gelb; die Dornen aber, sind etwas dunkler.
Endlich sehen Sie noch bey e. ein Maulwurfhaar. Auch diese haben etwas ganz besonderes. Ihr Bau ist sehr verschieden von andern Haaren. Denn sie scheinen aus unzählichen Ringen von gewundenen Drakt zu bestehen.
So wie man bey c. und d. keine Markröhre entdecken kan, so findet man auch da nichts davon. Ihre Farbe ist mehr blau, als aschenfarbig. Die natürliche Größe dieser fünferley Haare sehen Sie bey f.
Wissen Sie es schon, mein Freund, daß man den Maulwürfen unrecht thue, wenn man sie der Blindheit beschuldigt? Weg mit diesen physikalischen Aberglauben! Er gehöret nun zu der alten Weiber Rockenphilosophie. Sie haben vielmehr bessere Augen, als andere große Thiere. Sie sehen mikroskopisch. Ihre Augen sind wahre Streicherische Numern oo. Größer sind sie nicht, als das kleinste Sandkörnchen.
Wegen ihrer Haare kan man sie nur nicht recht sehen. Wenn man ihnen aber den Balg über den Kopf ziehet; alsdann sieht man diese kleinen Augen mit großer Verwunderung, und Kenner der Mikroskope können den Schluß daraus nehmen, daß diese Thiere unter der Erden im dunkeln, recht scharf damit sehen müssen. Ein Streicherisches Numer oo wird in einer weiten Blendung wenig gute Würkung thun; wenn sie aber eine andere von einer engern Oefnung vor das Erleuchtungsglas legen, so werden sie auch größere Würkung und einen scharfem Umriß sehen. Denn je weniger einfallendes Licht die kleinsten Vergrößerungsgläser bekommen, je schöner zeigen sich die Umriße. Ich merke dieses nur im Vorbeygehen an.
Ehe ich aber diesen Brief schlüße, muß ich noch einen Irrthum wegen der Haare überhaupt anzeigen.
Viele glaubten bisher, die Haare, besonders der Menschen, hatten Aeste, zwischen welche gemeiniglich die Läuse ihre Eyer (die Nüße) zu legen pflegten.
Andere widersprachen dieser Meinung. Ich wolte anfänglich diesem gegründeten Widerspruch selbst nicht beypflichten; sondern hielte die Beobachtungen der erstern für richtiger, und dieses deßwegen, weil ich selbsten Aeste an den Haaren gar oft gesehen habe.
Allein jetzo dencke ich anderst, nachdem ich die Sache genauer angesehen. Ich zog die Haare durch ein sauberes Pappier, und reinigte sie dadurch von ihrem anklebenden Schweiß, Fett und Unrath. Dadurch verlohren sich alle Aeste.
Hätten nun die Haare würklich ausgewachsene Aeste gehabt; so würde sie das durchziehen durch das Pappier, nicht haben abstreifen können. Sie können diesen Beweiß sogleich finden, wenn sie nur Haare aus den Ohren, und unter den Achseln beobachten wollen. Sie werden dafür anfänglich erschrecken, und gar keine Haarröhren sehen, oder finden, so viele Häute, und ganze Stücken Fett hangen sowohl um die Röhre, als die Wurzel des Haare herum. Wischen Sie es aber auf obgedachte Art ab; so werden Sie Jhr erstes Haar gar nicht mehr kennen, und weder Aeste, noch Beulen, noch andere Ausgewächse; sondern eine schöne durchsichtige gleiche Röhre und Wurzel erblicken. Jedoch ein mehrers hievon zu einer andern Zeit.

Ich bin, wie allezeit ec.


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