Stichworte: Historie, Ledermüller, Mikroskopie, aus Bewie's Mikrowelt

Ledermüllers Ergänzungen, XIII. Brief

XIII. Brief.

Da ich Ihnen einmal versprochen habe, die bekantesten und besten Mikroskope vorzustellen und Ew. ec. in Abbildungen zu überschicken; so solte ich nun auch des in Leipzig ohnlängst zum Vorschein gekommenen Vertical-Sonnen-Vergrößerungs-Instruments Erwehnung thun, und eine Zeichnung davon mit beilegen – allein ich gestehe es aufrichtig, daß, da ich überhaubts kein Freund mehr von Sonnenmikroskop bin, ich es für überflüssig gehalten habe, Zeit und Papier damit zu verschwenden.
Es düncket mich auch, daß Sie in der Zeit, da Sie den verschiedenen Gebrauch so vielerlei Vergrößerungsinstrumenten erfahren haben, nun selbsten von den vielen Beschwerlichkeiten und Mängeln, die bei dem Sonnenmikroskop sich finden, überzeugt sein werden.
Denn was ist wohl beschwehrlicher, als nach dem Sonnenmikroskop zu zeichnen, da die Sonne keine 4. Minuten auf einem Flecke bleibt, sondern beständig fortrückt? Und wer ist wohl im. Stande, ein Instrument zu erfinden, womit man das zum zeichnen bestimmte Papier nach dem Lauf der Sonne, beständig in einer gleichen Richtung fortrücken kan? Es gehört daher eine sehr geübte und geschwinde Hand darzu, ein Objekt durch das Sonnenmikroskop nur zu umreisen; Denn völlig auszuzeichnen, ist eine Unmöglichkeit. Man muß sich in der That glücklich schätzen, und begnügen lassen, wenn man nur die Sonne so lange dabehalten kan, bis man mit dem flüchtigsten Umriß des Objekts fertig ist. Und wie viele Gedult gehört nicht schon dazu, um mit beständigem rücken, drücken, schieben, richten und drehen des Spiegels und des Cylinders, die Sonne wieder auf den verlohrnen Umriß zu bringen? Nur pracktische Liebhaber und Kenner dieses Instruments, können von dergleichen Klagen urtheilen, und mir beipflichten, wann ich aufrichtig bekenne, daß das Sonnenmikroskop am besten diene, einer ganzen Versammlung, oder Gesellschaft bloser Liebhaber von lebendigen und leblosen Kreaturen, angenehme Vorstellungen an der weisen Wand sehr groß zu zeigen und besonders das Anschiesen der Salze, ihre Configurir- urrd Crystallisirung recht lebhaft und wirksam, und gleichsam die geheimste Arbeit der Natur selbsten vor Augen zu stellen. Was die Laterna magica, oder Zauberlaterne bei Nacht thut, das verrichtet das Sonnenmikroskop am Tage.
Bei Objekten, die nicht viele Zeit zum abzeichnen nöthig haben, bediene ich mich desselben mir Nutzen; obschon mit Anwendung aller meiner Gedult.
Wo aber Objekte mit vielen zarten Theilen Vorkommen; Da habe ich es niemals anderst anwenden können, als daß ich es nach dem Bilde das lange genug an der weißen Wand stehen bleibt, absehe, und auf diese Art, mit vieler Gedult nachzeichne, und in das kleine bringe.
Ich schreibe dieses alles deswegen, damit Sie, oder andere Liebhaber nicht etwann von mir glauben, als ob ich den Werth und Unwerth dieses Instruments nicht hätte kennen, oder unterscheiden lernen.
Sie aber, mein Freund werden endlich daraus abnehmen können, daß das Leipziger Vertikal-Instrument, so schön und schätzbar es auch an sich selbst sein mag, um so weniger von diesen Ungemachlichkeiten frei sein könne, je weniger Vortheile sich bei einem in die Höhe, oder schreg gerichteten Jnstrumente finden können, und die Sonne einem wie dem andern, keinen Augenblick zu Gefallen, länger stille stehet.
Ich will Ihnen also lieber ein anderes Instrument mittheilen, das wenigstens nach meinen Begriffen, mehrere Bequemlichkeit und Nutzen hat als das erstgedachte; und zeige Ihnen aus beigehender
XXIII. und XXIV. Tafel Die berühmte Anatomische Vergrößerungs-Maschine, die der unsterbliche Herr Dr. Lieberkühn zu Berlin erfunden.

Titel der Tafel: Die berühmte anatomische Vergrößerungsmaschine, die der unsterbliche Herr Dr. Lieberkühn zu Berlin erfunden.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig
Titel der Tafel: Die berühmte anatomische Vergrößerungsmaschine, die der unsterbliche Her Dr. Lieberkühn zu Berlin erfunden.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Sie ist auf zwey Kupfertafeln in der Histoire de l’Academie Royale des Sciences et belles lettres de Berlin Année 1745. Tom. 1. Classe physique pag. 14. vorgestellet.
Da es in dem allhiesigen Hochfürstlichen Naturalien-Cabinette unter andern vielen Physikalischen Instrumenten stehet; so habe ich eine getreue Zeichnung von beiden Seiten desselben, genommen.
Die XXIIIte Tafel zeigt diejenige Seite, worauf der Frosch oder ein anderes kleines Thier befestiget werden solle; die XXIVte aber, wo das Vergrößerungsglas eingeschraubt und das Aug angesezt wird.
a. Stellet Ihnen die Gestalt der kupfern-vergoldeten Tafel, oder Platte selbsten vor, welche Johann Georg Mitsdörfer zu Berlin, verfertiget hat.
b. sind die Fünf größern Hacken, womit die Füsse und der Hals, oder Kopf des Frosches, aufgespannet werden, welche man vermittelst kleiner Schrauben c. so mit Stahlfedern d. Tab. XXIII. versehen sind, nachlassen und anziehen kan.
e. Sind 5. kleinere Hacken, um das Gekröse damit auszubreiten, so gleichermaßen durch kleine Schrauben f. locker und fest gespannt werden können.
g. und h. sind zweierley Oefnungen, eine runde g. unk eine lange h., über welche das Gekröse gezogen werden muß, um durch i. den hintern Theil der Vergrößerungslinse, anbringen zu können. In die breite Federzwinge k. Tab. XXIV. wird die Vergrößerungslinse in l. geschraubt, welche mit den Schrauben m. und o. ebenfals angezogen werden kan, und noch eine Unterlage n. hat.
Diese Federzwinge kan man wenden, und richten, wie man es nöthig findet, um das Gekröse damit übersehen zu können.
Die ganze Platte stehet auf einer Nuß p. welche in einer Hülse q. eingerieben ist; die ganze Maschine aber ruhet auf einem Gestelle r. von 3. Schenkeln oder Füssen mit Gelenken, damit man das Instrument, nach Belieben, drehen, wenden, richten und stellen kan. Sie ist in ihrer wahren Größe dreimal höher und breiter, als die hier beigefügte Zeichnung der XXIII. und XXIVten Tafel.
Die beiden Buchstaben s. und t. bezeichnen zwei Hütchen mit den Vergrößerungslinsen , Numer o und oo. welche ich in ihrer wahren Gestalt und Größe beigesezt habe.
Man muß deren ebenfals wenigstens 5. Veränderungen haben, um die Objekte durch alle Größen untersuchen zu können, nehmlich die Numern 5. 3. 1. o. und oo.
Weil verschiedene Liebhabere, wegen des ziemlich theuren Preißes, sich abhalten liesen, dieses nüzliche Instrument zu kauffen; so lies ich mir wie Ihnen die
XXV. Tafel zeiget, eine dergleichen Maschine vom Holze mit Muschenbrockischen Nüssen
machen, und erhielt damit eben denjenigen Endzweck, zum besondern Vergnügen vieler ansehnlicher Gönner und Freunde der Mikroskopischen Ergötzlichkeiten.

Titel der Tafel: Eine derglichen Maschine vom Holze mit Muschenbrockischen Nüssen.
Eine preiswertere Variante des Liebekühnschen Mikroskops, die sich Ledermüller herstellen ließ.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Figur 1. ist die vordere Seite, an welche das Mikroskop selbst mit den Nüssen angeschraubt wird.

Fig 2. ist die Platte, die Tafel, oder das ausgeschnittene Bretchen selbsten, so, auf einem beliebigen Gestelle b. befestiget werden muß. Es werden auf dasselbe erstlich ein rundes Loch c. Fig. 2. ohngefehr so gros als ein Keutzer, und dann 4. kleinere Löcher d. gebohrt.
Ueber das Loch c. wird das Gekröse des Frosches mit starken Stecknadeln,* statt der beschwerlichen und das Gekröse leicht zerreisenden Hacken, ringsherum aufgespannet, und angeheftet, wann der Frosch zuvor an dem Brete befestiget worden ist, welches vermittelst 4. starker Zwecke * * geschiehet, womit dessen 4. Füße durch Schnüre, oder durch einen starken Bindfaden in den 4. kleinen Löchern d. auseinander gezogen werden. Und damit ich auch einen kleinen Fisch auf der Tafel beobachten kan, so habe ich 2. halb gebogene Zwingen f. auf der hintern Seite anbringen lassen, um solche über den Leib des Fisches zu spannen, und mit Schraubensteften e. zu schließen,
Ist nun der Frosch, Fisch, oder sonst eine jede andere kleine Kreatur, zur Beobachtung fertig und aufgezweckt, so wenden Sie die Tafeln um, S. Figur 1. und richten Ihre Vergrößerungslinse, vermittelst der Muschenbrockischen Nüsse, wie Sie es nöthig finden, bey g.
Das ganze Vergrößerungsinstrument bestehet aus gar wenig Stücken, nehmlich aus einer runden Platte h. mit einer Hülse, so auf das Bret geschraubt wird.
In diese Hülse wird die Nuß ʘ eingesprengt, an welcher ein kleiner Arm i. fortlauft, dessen Ende abermals mit einer Hülse (Halbmond) versehen ist. In diese wird die zweite Nuß k. gerieben, an welcher die dritte Hülse ist, in welche man die dritte Nuß l. sprengt, so an einem Ringe von Horn, oder Holz m. befestiget werden muß.
In diesen Ring m. wird das Vergrößerungsglas o. ln seinen Hütlein, vermittelst eines Drathrings n. eingelegt, und endlich mit der Hand so lange gegen das Objekt, höher oder niedriger, näher, oder entfernter, mehr links oder rechts, gerichtet, bis ich alles deutlich und scharf entdeckt habe, als welches durch diese Nüsse ganz unmerklich und gelinde, und auf das allergenaueste bewerkstelliget werden kan.
Damit es aber auch zu andern Objekten zu gebrauchen wäre; so lies ich noch ein Loch s. in diese Tafel bohren. Dadurch konte ich die Stefte p. und q. nach Belieben anbringen, welche hinten mit einer Schrauben r. versehen waren, um solche bey s. durch eine Schraubenmutter, oder einen Steft zu befestigen.
Wolte ich nun undurchsichtige Körper betrachten; so diente mir die Spitze p. dazu: wolte ich aber flüßige Sachen sehen; so war die Zwinge q. zu meinem Vortheil, in welche ich ein Schiebergläschen zwickte, und auf dasselbe einen kleinen Tropfen des flüssigen brächte, den ich alsdenn eben so, wie den Schwanz des Fisches, oder das Gekröse des Frosches, vor das Loch c. brächte, und mit dem Vergrößerungsinstrumente Z, durch alle Lentillen beobachtete. Denn in den Ring m. lassen sich, wie Sie leicht selbst sehen werden, alle Vergrößerungen in ihren Hütchens einlegen.
Ich füge noch hinzu, daß Sr. Hochfürstl. Dulrchlaucht, mein gnädigster Fürst und Herr, als ich Höchstdenenselben schon vor 3. Jahren diese unschuldige Maschine unterthänigst überreichte, nicht allein Dero mildeste Zufriedenheit darüber bezeugten; sondern auch Sich gnädigst gefallen liesen, sogleich einen Frosch aufzufpannen, zu öfnen, und das Gekröse ohne die mindeste Verletzung, zur Beobachung und Untersuchung des Kreißlaufes, mit einer ungemeinen Fertigkeit, aufzuheften. Höchstdieselben bewunderten den so deutlich beobachteten verschiedentlichen Umlauf der mancherlei Säfte in den Gefässen des Gekröses, mit vielem Vergnügen, behielten die Maschine Selbst, und geruheten, sie Dero höchsten Beifals gnädigst zu würdigen.
Ich bin ec.


Kommentar schreiben

Kommentar