Stichworte: Historie, Ledermüller, Mikroskopie, aus Bewie's Mikrowelt

Ledermüllers Ergänzungen, XIV. Brief

XIV. Brief

Sie haben bis daher genug vom Mikroskopischen Geräthe von mir erhalten. Nun ist es Zeit, daß ich Denenselben auch einmal wieder mit Erfahrungen und Beobachtungen, die ich damit angestellet habe, aufwarte. Sie werden sich ohnehin gütigst gefallen lassen, in diesen Sammlungen noch 3. Blat von Mikroskopischen Instrumenten anzusehen. Meine noch immer fortdaurende Schwachheit, hat mir Gelegenheit gegeben, auf einen Gegenstand zu verfallen, dessen Beobachtungen mich schon in dem vorigen Jahre, auf viele angenehme Gedanken und wichtige Betrachtungen geleitet haben. Diese wolte ich nun in diesem Briefe weitläuftig vorlegen; alleine ich muß mich wider meinen Willen kürzer faßen als ich mir anfänglich vorgenommen hatte. Daher bemerke ich nur mit wenigen, daß Sie hier auf der
XXVI. XXVII. XXVIII. und XXIX. Tafel eine der schönsten Raupen, ihre Verwandlung und einige besondere Theile ihres Vogels
erhalten werden. Es ist, wie Ihnen schon bekannt seyn wird, die Wolfsmilch Raupe, die man auf der Esula ober gemeinen Wolfsmilch findet.

Titel der Tafel: Eine der schönsten Raupen, ihre Verwandlung und einige besondere Theile ihres Vogels, Teil 1
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Ich habe sie hier auf der XXVIten Tafel bei a. nach dem Leben abgebildet. Nachdem ich sie 3. Wochen in einem Glase mit dem Kraut von der Wolfsmilch gefüttert hatte; so merkte ich aus ihrem Umwalzen, daß die Zeit ihrer Verwandlung nahe seyn müsse. Ich warf daher etwas frische Erde auf den Boden des Glases, und sogleich machte sie sich ein Bette in derselben, worinnen sie sich 3. Tage hindurch, beständig überworfen hat. Den vierten Tag war sie schon mit einem sehr dinnen Gesplnnste überzogen, unter welchem sie den 9ten Tag zur Puppe b.c. worden ist. Es verflos ein völliges Jahr, nehmlich vom Juli 1761. bis August 1762., ehe der schöne Nachtvogel, den Sie hier Fig. d. vom Rücken, und Fig. e. von der Seite des Unterleibes abgebildet sehen, hervor gebrochen kam.
Es ist etwas merkwürdiges an diesem Insekte, daß die Raupe auf der schädlichen Esula, der Nachtvogel aber auf der Blume die unter dem Namen: Je länger je lieber bekannt ist, gefunden wird, und seine Nahrung so verschieden suchet.
Der seelige Herr von Rösel, hat zwar die Raupe und den Vogel vorgestellt, aber nicht von der Seite des Unterleibes. Weilen nun derselbe hier ganz anderst anssiehet, und anstatt dessen Rucken und Flügel so vielfärbigt, sein Bauch und die untere Fläche der vier Fliegel hingegen einfarbig und mit einer angenehmen Rosenrothenfarbe gezleret sind, so habe ich diesen kleinen Abgang hierdurch ersetzen, und dieses schöne Geschöpf, von oben und unten abbllden wollen.
Als ich die Puppe b. c. mit einem guten Suchglase betrachtete; so entdeckte ich schon viele merkwürdige Gegenstände. Der Kopf derselben zeigte sich mir vollkommen von braunrothen Saftgefäsen f Tab. XXVII. Hierauf untersuchte ich den vordersten Theil desselben, wo die Fühlhörner und Saugrüssel liegen, g. mit einer stärkern Vergrößerung. Und da fand ich ihn der Fig. h. gemäß, und ein einiges von den durchlaufenden Saftgefäsen, traf ich, durch Num. oo. betrachtet, vermittelst des Handmikroskops, wie die Fig. i. vorstellet, mit vielen zarten Aesten an.

Titel der Tafel: Eine der schönsten Raupen, ihre Verwandlung und einige besondere Theile ihres Vogels, Teil 2
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Sonst ist die ganze äussere Schale der Puppe k. mit eben dergleichen aestichen Saftgefäsen durchflochten, und dazwischen voller kleiner Schweiß- oder Dunstlöcher.
Zu beiden Seiten aber befinden sich die Lungen, oder Luftlöcher l. wodurch die Puppe Luft schöpfen, und so lange Zeit im Leben bleiben kann. Ich habe ein klein Stückchen m. von der braunen Schaale, nachdem der Schmetterling ausgeschloffen war, mit einem Luftloch abgeschnitten, und dasselbe durch Numer 4. so gesehen, wie es die Fig. n. ausdrücket.
Von dem ausgeschloffenen Vogel muß ich noch mit wenigen Worten anmerken, daß, als eben bey seiner Geburt ein Blumenstrauß mit Rosen, Nelken und Pomeranzenblüthe auf meinem Tische gestanden, und ich, um meinem neuen Gast eine Ehre zu erweisen, denselben darauf gesetzet hatte, derselbe zwar anfänglich alle Blumen besuchte, bei keiner aber den Säugrüssel bewegte, als auf der Rose. Allein diese neue Kost war ihm tödtlich. Denn er hatte sich keine viertel Stunde auf derselben befunden; so schlief er mit ausgestreckten Rüsseln sanfte ein, ohne sich jemals wieder zu bewegen.
Ich habe deutlich bey dieser Beobachtung sehen können, daß ihme der Saft aus der Rose zuwider müsse gewesen seyn, ob er sie schon vor allen andern erlesen. Denn wann er auch in ein Blat mit dem ausgestreckten Säugrüssel gestochen, so hatte er doch den ausgesaugken Saft nicht einmal bis zur Helfte der Saugröhre, hinauf steigen lassen, als er solchen schon wieder zurücke gestoßen; welches er auch so oft versuchte, bis er endlich darüber in den ewigen Schlaf gefallen und unbeweglich auf der Rose liegend geblieben.

Titel der Tafel: Eine der schönsten Raupen, ihre Verwandlung und einige besondere Theile ihres Vogels, Teil 3: Der Saugapparat des geschlüpften Wolfsmilchschwärmers.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Da mir nun dieser merkwürdige Theil seines Leibes, ich meine sein gedoppelter Rüssel, viel zu deutlich in die Augen fiel, als daß ich denselben ohne genauere Untersuchung hätte hinlegen können; so beobachtete ich erstlich den Kopf nach verschiedenen Wendungen, S. Fig. a. b. c. Tab. XXVIII. der sich bei d. durch ein gutes Oekonomieglas nebst dem linken Auge, mit eingezogenen Rüsseln, darstellet. Ich merkte aber bald, daß es nöthig war, denselben durch die höchsten Vergrößerungen zu untersuchen. Hiedurch wurde ich erst überzeugt, daß derselbe aus zwei sehr langen Spiralröhren e. bestehe, welche an ihren äussersten Spitzen f. zwei kleine Häckchen g. sehen laßen, die man aber nicht eher, als durch Numer 1. erkennen kan. Vermuthlich sind es kleine Stacheln, womit die Bläschen der Blumen geöfnet werden, um den Saft aus derselben desto leichter in die großen Röhren zu ziehen.
Diese zwei Schläuche bestehen aus einer hornichten Haut, welche vermittelst unzählicher kleiner Reife, ober Spiralringe die Eigenschaft haben, daß sie sich ganz leicht austrecken, zusammenschieben, zurücke ziehen, verlängern und verkürzen lassen.
Sie sind sehr elastisch, und wann man sie in kleine Stückchen schneidet, und zwischen zwei Gläschen in dem Sonnenmikroskop untersucht, so erscheinen sie alsdenn an der weisen Wand, springend, wie die Käsemaden; welches die Hitze der Sonne verursachet.
So bewunderswürdig aber diese zwei Rüssel sind, so merkwürdig und prächtig sehen auch die Fühlhörner dieses Vogels unter dem Mikroskop aus. Ich wünsche Ihnen zum Voraus alle nur mögliche Gedult zu dieser Beobachtung. Ich habe lange zugebracht, bis ich entdecken konnte, welches der Hintere, oder vordere Theil derselben sei. Tab. XXIX. zeigt Ihnen bei a. ein solches Fühlhorn in natürlicher Größe; b. aber durch Numer 3. vergrößert, mit eingezogenen Federbüschen.

Titel der Tafel: Eine der schönsten Raupen, ihre Verwandlung und einige besondere Theile ihres Vogels, Teil 4 Die Fühler des Wolfsmilchschwärmers.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Denn der Vogel kan diese sehr zarten Büsche, die ich mit einem Sternlein bezeichnet habe, gleichsam, wie ein Buch, von einander thun, ausbreiten; und wieder einziehen. Die Figur c. stellet den Rücken eines Fühlhorns mit ausgestreckten Büschen und seinen Regenbogenfärbichten Federn vor, als womit der ganze Rücken bedecket ist. d. lässet Ihnen einen solchen Federbusch, durch Numer o. vergrößert, sehen, e. die oberste braune Spitze des Fühlhorns mir Ihren fünf spitzigen Haaren, f. den Stiel, und g. den Grund, oder Fuß desselben, um zu zeigen, daß derselbe hohl ist. Diese zwei Fühlhörner sitzen zu nächst an den Augen, und zwar hinter denselben; die beiden Rüssel aber unter den Augen, zwischen zwei dicken Polstern von langen Haarähnlichen Federn.
Diese beiden Stücke werden Ew. nie deutlicher und schöner sehen, als durch das Universal Zirkelmikroskop des Herrn Geheim-Rath von Gleichen, vermittelst des silbernen Holspiegels, wodurch die Objekte in ihr gröstes Licht gesetzet und damit durch alle übrige Vergrösserungslinsen beobachtet werden können.
Als ich mit dieser Beobachtung noch beschäftiget war, so brächte man mir einige Früchte; wovon ich Ew. auf beiliegender
XXX. Tafel eine flüchtige Abzeichnung von einer frischen Aprikose
a. ebenfals mittheile, mit Bitte, diese schmakhafte Frucht einer weitern und gründlichern Beobachtung zu würdigen.

Titel der Tafel: Eine flüchtige Abzeichnung von einer frischen Aprikose.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Die zarte wollichte Haut derselben, gab mir Anlaß, sie anfänglich mit dem Suchglas, und dann durch Numer 5. zu betrachten, wodurch ich entdeckte, daß diese niedlichen Früchte mit einem Pelze von den feinsten Silberhaaren b. so durchsichtig, wie Venetianisch gesponnen Glas, überzogen sind. Dieser Anblick ist sehr prächtig; in dem die Goldfarbe der untersten Haut durch diese Silberfäden glänzend durchspielet.
Eines von diesen Silberhaaren finden Sie bey c. durch Numer o. vergrössert, und ich habe bemerkt, daß sie hohl sind. Vermuthlich wird sich eben diese Beobachtung an denen Pfirsichen erkennen lassen.

Nachschrift.

Weil es ohne Zweifel auch bet Ihnen an Freidenkern, und sogenannten starken Geistern eben so wenig fehlen wird, als bei uns, so belieben Sie diesen allwissenden Herren einmal eine Puppe von einer Raupe, und zugleich die Frage vorzulegen: ob Sie vermögend sind, mit ihrer Vernunft einzusehen, und zu erklären, wie es geschehe, daß aus der Raupe die Puppe, oder in der Puppe der Vogel entstehe, da weder die Raupe, noch die Puppe, noch der Vogel einander ähnlich sind, noch einerlei körperliche Theile haben?
Wann sie nun Ihr Unvermögen bekennen müssen; so sagen Sie ihnen, was der Mund der ewigen Wahrheit selbst zu jenem Gelehrten sagte: Ihr wisset das, was irrdisch ist, nicht zu erklären, und wollet doch von göttlichen Geheimnissen Machtsprüche ertheilen. Denn es ist in der That eine Verwegenheit des so eng eingeschränkten menschlichen Verstandes, dasjenige als unmöglich anzusehen, was die Vernuft nicht begreifen kan, folglich auch eine Unvergängliche zu leugnen, weil wir ihre Möglichkeit nicht einsehen können.
Ich gestehe es offenherzig, mein Werthster! daß ich recht viele solche Geister nach dem Rath Pauli vertragen habe; allein die einige Art von Wizlingen ist mir allemal unerträglich gewesen, welche die Möglichkeit einer künftigen Auferstehung so gar hartnäckig bestritten haben; indem sie sich dadurch an der Weisheit und Allmacht des Schöpfers und an dessen unbegreiflichen Eigenschaften gar sehr vergreifen, und sich über den ewigen hinauf zu schwingen erfrechen.
Es ist schon lächerlich, daß diese überkluge Köpfe sich mit mehrerer Einsicht in die Geheimniße des Unerforschlichen brüsten wollen, als die ältesten Völker, und die grösten Weltweisen aus allen Zeiten. ‚
Die Egypter hatten schon vor Mosis Zeiten, wie auch die Chaldaeer, und die Magi der Indianer eine Wiederkunft nach diesem Leben geglaubt. Und noch heut zu Tage bekennen solche die allerwildesten Völker. Der Vorwurf, daß dieses nur dumme Köpfe waren, taugt hier nichts. Thales, der erste Weise, Pherecydes, Pythagoras, Sokrates und Plato, sind Männer, die vielleicht ungleich klüger waren, als unsere mehrentheils halbgelehrte Wizlinge; aber auch diese sind Vertheidiger einer Wiederkunft, oder der Unsterblichkeit gewesen. Lesen Sie nur, was der Persische König, der grosse Cyrus, nach dem Zeugniß des Xenophons im 8. Buch, Seite 140. auf seinem Sterbebette, und Cicero im ältern, Cato Cap. 22. Dann Empedokles, Zeno, Xenokrates, Aristoxenus, Aristoteles und mehrere griechische Weisen von der Unsterblichkeit der Seele gedacht haben. Diogenes Laertius schreibt in seiner Vorrede
Theopompus meldet in dem achten seiner Philippischen Bücher, daß nach den Lehrsätzen der Magorum die Menschen wiederum aufleben, und unsterblich sein werden.
Als Alexander, der Große, den Indianer Calanus hinrichten lies, sprach derselbe herzhaft:
das Leben lassen, ist eine herrliche Sache; weil die Seele zum Lichte gelanget, wann der Cörper verbrandt wird. S. Cic. im 1. Buch von der Wahrsagerkunst.
Cato von Utica hatte noch sterbend des Plato Buch von der Unsterblichkeit der Seele in seiner Hand. Ich übergehe noch viele andere, besonders die neuen Gelehrten, welche in einem ungleich Hellern Lichte, den Satz von der Unsterblichkeit behauptet haben.
Nur noch am Schluße will ich hinzusctzen, daß die alten, insonderheit die Egypter, Griechen und Römer die Schmetterlinge, als ein Sinnbild der aus ihrem Körper befreiten Seele, auf ihre Leichensteine setzen liesen; und mir wird noch von Ew. erlaubt seyn, daß ich diese Sammlung mit meiner eigenen Betrachtung endige, welche ich bei Erblickung und Untersuchung der Raupen und ihrer Puppen und Sommervögel, auch anderer dergleichen Insekten, die zu einer bald späten, bald schnellen Verwandlung von ihrem Schöpfer bestimmt sind, gemacht habe.
,Dieser fast eckelhafte und unansehnliche Wurm, die Raupe, die sich hier kriechend schleppen muß, bis sie spat den Stamm jenes Kirschenbaums hinauf kommt, um sich von dessen Blättern zu nähren; Dieses in so vieler Augen so verächtliche Geschöpf, welches zu nichts anders gemacht zu sein scheinet, als den Sperlingen, Schwalben und andern Vögeln, ungleichen denen Spinnen und Wespen zu einer leckerhaften Speise, ja wohl gar zum lebendigen Neste und künftiger Nahrung ihrer Jungen zu dienen; eine Kreatur, die weder Verstand, noch Vernunft und Einsichten, wie der Mensch, nach meinen Begriffen besitzt, ziehet sich jetzo mit vielem überwerfen und krampfichten Umwälzungen unter einem Gespinste zusammen, welches es selbsten, als sein Grab, über sich gebauet hat, und es wird endlich eine Puppe, und liegt in diesem Zustande Jahr und Tage stille. Ich weis zwar gar wohl, daß diese Puppe nicht ganz todt ist; sie bewegt sich, wenn man sie etwas stark berühret: allein es kommt mir doch endlich aus derselben eine dritte Kreatur entgegen geflogen, welche weder der Raupe, noch der Puppe ähnlich siehet. Es zeigt sich ein vilfarbigter und gedoppelt geflügelter kleiner Vogel, der mit seinen vier gespiegelten bunten Flügeln die Luft nunmehr durchwandert, nicht das mindeste von seinem Raupenwesen an sich hat, nicht mehr kriechend sein Futter sucht; sondern mir freiem Flug von einer Blume zu der andern eilet, wo er den besten Nektar derselben, aus ihren zartesten Gefäsen, in reicher Mast, ungehindert genüsset, und die edelste Freiheit und einen viel herrlichern Zustand, als sein voriger war, empfindet. Welcher weise und grosse Künstler hat hier ein ganzes Jahr lang an dem Bau dieser neuen Kreatur, dieses schönen Vogels, unter seiner Hülle, in seiner Puppe, gearbeitet? Solte wohl dieses schwache Geschöpf, dieses Ungeziefer, das nach meinen engen Begriffen der Welt fast keinen andern Nutzen giebt, als daß es andern Kreaturen wie gedacht, zur Speise dienet, von seinem Schöpfer vor allen andern Geschöpfen, mit einem so glückseligen Geschenke bei der Schöpfung begabt, und mit so grossen Vorzügen vor dem Menschen beschenkt worden seyn? Soll ich mich nicht gleicher Hofnung einer künftigen schönern Wiederkunft und seligern Verwandlung zu erfreuen haben? Soll die Raupe mehr bei dem Schöpfer gelten, als der Mensch, den er nach seinem eigenen Bilde erschaffen hat? Nimmermehr! Mein Geist, mein Verstand, meine Vernunft, mein Herz, ein gewisser höherer und geheimer Trieb nach einem bessern Zustand widerspricht diesem trostlosem Gedancken.
Ich bin ja viel edler gemacht, als die Raupe; ich werde also auch eine viel herrlichere Verwandlung erfahren, als jene. Der Allmacht meines Schöpfers ist alles möglich. Ich bekümmere mich jetzo um die Art und Weise nicht, wie es geschehen wird; denn dieses überlasse ich seiner unerforschlichen ewigen Weisheit. Weis ich doch auch nicht, wie ich im Mutterleibe gebildet worden bin, ohnerachtet ich doch weis, daß ich auf der Welt bin. Solte ich dann deswegen an meiner Bildung, oder an meinem Daseyn zweifeln? Kan denn nicht mein Verstand schon jetzo begreifen, daß auch nach meiner gänzlichen Auflösung alle meine Theile in dem Dunstkreise unserer Erdkugel eingeschlossen bleiben, wenn sie gleich von einem Element in das andere, und von einer Kreatur zur andern kommen sollen? Ich bin aber überzeugt, ja ich glaube es gewiß, daß meine Sele, als ein Geist, oder mit Seneka mich auszudrucken, pars lumimis divini, ein Theilchen des Göttlichen Lichtes unmöglich vergehen, sondern einer viel reinern Glückseligkeit genüssen werde, als sie in ihrem Körper empfunden hat; welche Glückseligkeit herrlicher sein wird, als die Verwandlung der Insekten und aller übrigen Geschöpfen auf dem Erdboden, die keine Menschen sind; ja daß mein Geist mit einem solchen Körper werde versehen werden, den die ewige Weißheit schon von Ewigkeit herfür seinen künftigen Zustand geschickt befunden, und bestimmet hat.
So kan ein vernünftiger Naturforscher zu seiner Beruhigung schon alldem Lichte der Natur, ohne allen Zwang, dencken. Nimmt er aber den weitern Grund seiner künftigen Hofnung, als ein Christ, noch aus der geheiligten Offenbahrung darzu, welch ein freudiges Sterben empfindet er vor allen Freidenkern, ja wohl solchen Menschen, die Christen heißen und alles glauben, ohne zu wissen, was sie glauben! Denn ich gestehe es offenherzig, daß ich glaube, es müsse dem ewigen Verstande, dem Allerweisesten, ein vernünftiger Christ ungleich angenehmer sein, als ein bloser Maulchrist, der die Gelegenheit im Ueberfluße und die Mittel hat, die Kräften seiner Seele und Erkenntnis zu erweitern, solche aber nicht gebrauchen, sondern bei seinem Köhlerglauben absterben will. Und ich bekenne noch am Schluße dieses mit Vergnügen, daß ich allemal eine heimliche Freude empfunden, wann ich nur ein Fünkgen aus den Werken und Erscheinungen der Natur gefunden, so meinem Glauben mehr Licht und Stärke gegeben hat.
Jedoch ich gehe jetzo schon vielleicht zu weit, und ich bescheide mich nur gar zu wohl, daß ob es schon nicht zu widersprechen ist, daß es philosophische Bekehrungen gebe, so glaube ich doch auch, daß sie sehr weit von denenjenigen welche nur durch die geoffenbarte Religion erfolgen, unterschieden sind.
Meine Meynung soll nur dem Glauben als ein Bedienter an der Seite gehen; und wenn man schon noch so bekannt in einer Stadt ist, so lässet man sich doch auch nicht ungerne des Nachts mit einer Laterne nach Hause leichten, um desto weniger anzustossen. Verzeihen Sie mir mein werthester, diese zufällige Gedanken, die mich öfters bei meinen harten Umständen, noch immer aufrichtcn; und glauben Sie, daß ich solche bis in mein Grab beibehalten, und bis dahin mit der aufrichtigsten Ergebenheit seyn werde
Ew. ec. Martin Frobenius Ledermüller.


Kommentar schreiben

Kommentar