Stichworte: Historie, Ledermüller, Mikroskopie, aus Bewie's Mikrowelt

Ledermüllers Ergänzungen, XVIII. Brief

XVIII. Brief

Glük zum Golde! Nicht zur überflüßigen Anfüllung Ihrer Kisten und Kasten mit diesem Gott der Welt, sondern zur Mikroskopischen Untersuchung desselben. Mir war diese Beobachtung mühsam genug worden; und ich vermuthe nicht unwarscheinlich, daß sie Ihnen ebenfals nicht gar zu leichte von der Hand gehen werde, bis Sie die Bestandtheilchen des edelsten Metalls, deutlich sehen werden. Die Zeichnung, die ich, mir zur Ehre, Ihnen davon mittheile, und diesem Briefe beilege, welche auf der
XXXVIII. Tafel Etwas von einem feinen Goldblätchen
vorstellet, sieht zwar schlecht her; sie enthält aber eine Erfahrung , die mit der größten Warscheinlichkeit dergestalt verbunden ist, daß man bei nahe einen allgemeinen Folgesatz auf alle Metalle daraus ziehen könnte.

Titel der Tafel: Etwas von einem feinen Glotblättchen
Es handelt sich hier um ein Stückchen Blattgold.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Ich schmeichelte mir anfänglich, Ihnen recht viel schönes von Metallen, und mit dem Golde auch mikroskopisches Silber, Kupfer, Eisen, Zinn und Blei überschicken zu können; meine Hofnung aber gieng gewissermaßen verlohren. Denn, ich sah an allen den übrigen Metallen eben das, was ich an dem Golde gefunden habe. Sie kamen mir in dem Handmikroskope alle dunkel, und entweder schwarz, oder braun vor das Gesichte. Was würde ich Ihnen aber für einen Gefallen da, mit erwiesen haben, wann ich ein halbduzend schwarze, braune, oder fahle Fleken auf einem Blate Pappier übersendet hätte? Ich will Ihnen daher lieber die Beschreibung, als die Abbildung schicken, nachdem ich alle diejenigen Metalle, die man zu schlagen pflegt, genau untersucht habe.
Das feine Gold, sieht allein an Farbe stahl- oder blaugrün, wann man ein Blätchen davon gegen das Licht halt. Es bestehet aus den kleinsten eyförmigen Körnern, welche den Körnern des Schießpulvers ähnlich sehen. Weil das feine Gold am dinnesten ausgedehnt und durch das Schlagen ausgebreitet wird; so lassen sich auch diese Körner vor allen übrigen Metallen, an dem Golde am ersten und sichersten erkennen, ob man schon Numer oo, als die höchste Vergrößerung, dazu gebrauchen muß.
Das Silber, welches so dinne nicht geschlagen wird, lässet auch seine Bestandtheilchen nicht so deutlich, wie das Gold, sehen. Doch ist es gewiß, daß man sie endlich ebenfals beobachten, und eben solche Körner an dem Silber, wie an dem Golde, finden kan, wenn man sich nur die nöthige Mühe gibt, sie zu suchen.
Die Vortheile, sie zu finden, sind folgende: Es wird erstlich, wie schon gedacht worden ist, zur Beobachtung aller Metalle, Numer oo genommen. Zweitens müssen Sie es an dem äussersten Rande ringsherum, oder an solchen Orten, wo es am durchsichtigsten ist, untersuchen; zumal wo es Löcher, oder Risse hat; weil sich diese Körner an der, Peripherie derselben, am deutlichsten erkennen lassen. Drittens muß ein sehr heller Tag dazu erwählt, oder diese Beobachtung vor ein paar Lichtern angestellet werden.
Auf diese Weise, habe ich nach öfters angestelten Versuchen auch an Kupfer, Blei und Zinn gefunden und erfahren und als eine physikalische Wahrheit angenommen, daß die Metalle, wenigstens diejenigen, welche sich vom Goldschläger schlagen nnd ausdehnen lassen, aus unmerklich kleinen, nur durch die höchste mikroskopische Vergrößerung sichtbaren und den Körnern des Schießpulvers ähnlichen, sehr vest und dicht zusammengesezten Theilchen bestehen.
Stahl und Eisen habe ich nicht untersuchen können; weil ich kein Mittel weis, sie so dinne, wie das Gold, Silber, oder Metall Blätchen zu bekommen. Es lässet sich aber ex analogia nicht unwarscheinlich eben das von ihnen glauben, was ich vom Golde, Silber, Kupfer, Zinn und Blei geschlossen, und gesagt habe. Dieienigen Handwerksleute, welche Stahl und Eisen verarbeiten, pflegen zu sagen, wann sie es gut befinden: Es hat ein feines Korn. Und wann man ein kleines Theilchen Eisen, oder Stahl unter dem zusammengesezten, oder auch dem Zirkelmikroskop, vermittelst des silbernen Holspiegels, betrachtet; so ist, wiewohl nicht so gar deutlich, wie an dem Golde, zu sehen, daß dieses Theilchen aus sehr kleinen, runden Kügelein zusammengesezt sei. Man muß hierzu ein wohlgeschmelztes, oder gereinigtes oder am besten ein gediegenes Eisen zu erhalten suchen, das keine Erdtheile hat; sonst kan man sich leicht betrügen, und die Erdentheile, oder Sandkörner für Eisentheile halten. Dann es ist bekannt, daß das Eisen gar viele irrdische Theile und Schwefel in sich habe, welches der schuppenweis abspringende Zunder im Schlagen und Hämmern, wann es glühet, zu erkennen gibt. Das kleine Theilchen vom Glodblat, so ich untersuchte, ist auf der 38ten Tafel mit a. und vergrößert mit b. bemerkt worden. Die weisen Flecken sind durchgeschlagene Löcher, und die schwarzblauen Adern halte ich für Biege, oder Runzeln, die im schlagen und wenden sich übereinander gefaltet und gebogen haben. Die Bestandtheilchen, oder Kügelein des Goldes, woraus dieses herrliche Metall, wie auch das Silber, Kupfer ec. zusammen gesezt ist, werden Sie nicht allein an dem Rande rings herum und auch bei den Löchern sehen; sondern auch bei c. ein besonders Theilchen, das aus lauter solchen Körnern bestehet, abgezeichnet finden.
Endlich nahm ich auch das Goldgespinnste, oder einen Goldfaden vor die Hand, schnitte solchen in zwei kleine Theilchen, und beobachtete ihn durch Numer 3; die Seidenfäden aber durch Numer 1. Es wird daher die
XXXIX. Tafel Zwei Goldfäden
Ihnen vor die Augen legen, und so, wie ich diese Theilchen Goldfaden, welche a. in natürlicher Größe zeigt, durch das Vergrößerungsglas gesehen habe; welche Beobachtung man unter dem zusammengesezten Mikroskop, mit Anschraubung des silbernen Spiegels, der die Obiekte von oben erleuchtet, am sichersten anstellen kan.

Titel der Tafel: Zwei Goldfäden
In die vornehmen Gewänder des Barock waren oft Goldfäden eingewebt. Wie die Tafel zeigt, bestanden sie aus einer Textilseele, um die ein feines vergoldetes Blech gewickelt war.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Erstlich beobachtete ich, daß der sonst so zarte Seidenfaden a. hier einen zusammengedrehten Strang, oder Strik mit einem Goldblech c. umwunden, ähnlich sah, der aus vielen andern Faden d. bestund. Diese Fasern d. sind aber nichts anders, als die wahren einfachen Seidenfäden, welche die Seidenrauppe spinnet, und deren mehrere hernach von der Hand der Spinnerin zusammen gedrehet, und zu einem Seidenzwirn gemacht werden. Das Goldblech, womit dieser Strang umwunden ist, und einem geschlagenen Goldbleche gleichet, ist kein lauteres Gold, sondern ein mit Gold überzogenes Silber, wie Ihnen bereits bekannt sein wird. Zu dieser Arbeit kommt aber kein so dinn geschlagenes Gold, wie ich auf vorbeschriebener 38sten Kupfertafel angezeigt habe, sondern der Goldschlager muß nur zum vergolden des Silbers 4. Blätter aus einer Dukate und 24. Blat aus einem Loth Silber zum versilbern des Kupfers schlagen, anstat sonsten über dreihundert Blätchen aus einer Dukate geschlagen werden. Mit diesem Golde wird dann eine mehr, als Zoll dike Silberstange, vermittelst gewisser Vortheile, belegt. Und ob gleich diese hernach bis zu dem allerfeinsten Haardraht durch so viele immer engere Löcher mit der grösten Gewalt gezogen wird; so bleibt doch das Gold beständig auf dem Draht, gleichwie auch das Silber auf dem Kupfer.
Soll aber das Kupfer versilbert, oder vergoldet werden, so heißt es Lionische Arbeit machen; vermuthlich, weil diese Kunst zuerst in Lion erfunden, und durch einen Refugié nach Deutschland und Nürnberg gebracht worden ist. Wird das Kupfer vergoldet, so muß zuvor die Kupferstange mit Silber überlegt, und dann erst das Gold auf die Versilberung gebracht werden, ehe es dem Gold- und Lionischen Gold- und Silberdrahtzieher unter die Hände gegeben wird.
Dieses alles füge ich nur deswegen bey, damit Sie daraus ersehen können, wie ungemein gros die Elasticität und die Geschmeidigkeit des Goldes sein müsse. Dann es läst sich dasselbe so weit ausdehnen, daß man aus einer Dukate mehr als dreihundert Goldblater schlagen, denselben in viele hundert Ellen ausdehnen, und damit eine Fläche von funfzehen Schuhen in die Länge, oder ein Viereck von fünf Fuß belegen und übergolden kan.
Damit Sie aber, werthester Freund, auch noch etwas aus dem vegetabilischen, oder dem Reiche der Pflanzen zu sehen bekommen; so lege ich am Schluße noch eine Zeichnung mit bei, welche auf der
XL. Tafel Einen geraden oder Perpendikularschnitt von dem weisen Tannenholze
vorstellet. Ich muß Ihnen aber zuvor melden, wie es mir mit dieser Beobachtung ergangen ist, ehe ich Ihnen solche mittheilen konte. Es wurde mir schon vor 3. Jahren dieses Schnittchen zwischen zwei Schüsselgläschen verwahrt, zugeschickt, und mir dabey gesagt, daß es Ungarischer Asbest sei. Ich sah kaum das Obiekt, so fieng ich schon an zu zweifeln, und zeigte es einige Zeit hernach einem vornehmen Gönner, der mir mit sehr vielen Arten vom Asbest, Fraueneis, Marienglas, und dergleichen fadenartigen Fossilien an die Hand gieng. Keine darunter sah aber meinem Obiekte ähnlich; weswegen ich dasselbe zwar abgezeichnet, nachmals aber gänzlich vergessen hatte.
Vor einigen Wochen mußte ich in des unvergleichlichen Malpighii Schriften, etwas nachschlagen; und bei dieser Gelegenheit erblickte ich von ohngefehr in seiner Zergliederung der Pflanzen, auf der VI. Kupfertafel, die fünf und zwanzigste Figur, welche meiner obigen Zeichnung sehr gleich sah. Ich suchte sie sogleich wieder hervor, und fand sie mit des Herrn Malpighius Schilderung ungemein ähnlich. Da ich nun ferner gelesen, daß er das Tannenholz also beobachtet; so erinnerte ich mich, bei Leeuwenhöck solches ebenfals, wiewohl ganz anderst, gesehen zu haben. Ich suchte also auch bei diesem Schriftsteller nach, erblickte aber daselbst eine ganz ungleiche Zeichnung, welche nicht die allermindeste Aehnlichkeit zeigte. Was war nun zu thun? Es blieb mir natürlicher Weise kein anderer Ausweg übrig, als selbst Hand anzulegen. Ich machte hierauf wohl zwanzig bis dreißig Späne, bis ich einen so dinne erhielt, daß ich ihn nach Wunsch gebrauchen konte. Malpighius hatte vollkommen richtig gesehen und gezeichnet, und sein Glas muß wenigstens ein Numer o gewesen sein, wann die Zeichnung anderst nicht zu gros gerathen ist.
Warum hat aber Leeuwenhök anderst gesehen? Verdammen Sie ihn noch nicht. Ich habe Mittel gefunden, auch ihn zu rechtfertigen. Er stelte die Zeichnung eines Quer- oder Horizontalschnitts vor; dahingegen Malpighius einen langen, oder perpendikular geschnittenen Span abbildete.
Dennoch aber hat Malpighius besser, als Leeuwenhöck, gesehen, wie meine künftige Briefe mit mehrern zeigen werden.

Titel der Tafel: Ein gerader oder Perpendikularschnitt von dem weißen Tannenholze. Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Ich habe iezo diesen Zwerchschnitt zum abzeichnen unter der Hand. Sie sollen denselben mit erster Gelegenheit erhalten, und daraus ersehen, was sich für ein groser Unterschied zwischen meinen und Leeuwenhöcks Beobachtungen finde.
Um aber auf die Beschreibung dieser vierzigsten Tafel selbsten zu kommen, so stellet
a. die natürliche Größe des Spänchens und
b. dessen Vergrößerung durch Numer 4. Englisch Glas vor. Man siehet an demselben verschiedene Gefäse, nemlich
c. die horizontal laufenden, welche die perpendikularen durchflechten, vom Malpighio utriculi genennet werden, und mit sehr kleinen Saftkügelein ausgefüllet sind.
d. die perpendikularen, die aber wieder von zweierlei Art sind, nemlich die tracheae, oder Luftröhrchen, und die fistulae, oder Saftröhrchen, welche eigentlich die wahren Holztheilchen sein sollen. Die tracheae haben inwendig viele luftblasenähnliche Kugeln, die Malpighius tumores nennet; die fistulae aber liegen auf und unter den tracheis. Dieses deutlicher zu machen, habe ich nur ein paar solcher Gefäße durch Numer oo. abgezeichnet.
h. sind die Tracheae, oder Luftröhren mit ihren blasenförmigen Gefäsen i.
k. aber die Fistulae, Saft- oder Holzröhrchen, die auf und unter den Tracheis fortlaufen, und die Winkel m, machen.
i. ist eine solche trachea, oder Luftröhre, ohne Blasenkugeln; um deren sehr dinnes und durchsichtiges Wesen damit vor die Augen zu legen. Malpighius sagt von ihnen: Hae argenteis laminulis contextae a lateribus fubrotundos emittunt tumores. Mir ist sehr lieb, daß dieser grosse Gelehrte den silberspielenden Glanz ebenfalls beobachtete und angemerkt, den ich mit so vieler Bewunderung an diesem Holze gesehen habe.
m. bemerkt diejenigen Winkel, welche Malpighius auch richtig beobachtet hat, und die von den fistulis k. gemacht werden;
n. aber die großen Oefnungen, welche man hier und dort in den trachaeis h. sieht, und vielleicht pori, oder Dunstlöcher sein mögen.
o. sind endlich ein Paar von den horizontal laufenden Gefäsen, Röhrchen, oder utriculis, welche in der Zeichnung b. mit c. bemerkt sind, und unzählig viele kleine Kügelein enthalten.
Die Figur p. ist von mir aus der Ursache noch mit beigefügt worden, um Ihnen begreiflich zu machen, wie ich meine Spänchens abschneide, wann ich sie perpendicular haben soll. Denn ich schneide sie nicht gerade von der äusersten rauhen Fläche des Scheidholzes ab; sondern nehme solche von dessen schärfsten Ecken, wann ich zuvor einen groben Abschnitt gemacht, den ich aber wegwerfe, um alsdenn die feinern zu erhalten. Durch gegenwärtiges Stück Holz lief in der Mitte eine glatte Markröhre, welche ich herausgenommen, und davon sowohl, als von der Furche, oder Rinne, worinnen sie lag, und welche sehr glatt und zarthäutig war, an den Ecken, welche hier mit Sternchen bezeichnet sind, die allerfeinsten Schnitte bekommen hatte.
Malpighius hält dieses Holz für eines der mühsamsten zum beobachten. Seite 27. loco cit. Ob fuarum particularum exiguitatem et lucidatem abietis et Cupressus lignum difficillimae eft indaginis ec. Künftig sollen Sie auch den Zwerchschnitt von diesem Holze sehen, der Ihnen etwas besser gefallen dörfte.


Kommentar schreiben

Kommentar