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Ledermüllers Nachlese, III. Brief

III. Brief

Nur Gedult. Nicht alles auf einmal. Nun wollen Sie schon aus unserer angefangenen Schulordnung gehen. Wir sind noch im A.B.C. und Sie wollen schon lesen.
Doch will ich Ihnen Ihre Freude nicht verringern, die Sie mir über Ihr neues Sonnenmikroskop bezeugt haben. Sie wollen bald wissen, wie man damit umgehen muß, um angenehme Erfahrungen damit anzustellen? Hier sollen sie finden was sie von mir verlangt haben, und vielleicht noch mehr..
Das Sonnenmikroskop und die finstere Kammer soll Ihnen noch mehrere reizende Beschäfftigungen verschaffen, als nur alleine Vergrößerungen zu machen.
Sehen Sie beykommende Zeichnungen an, so werden Sie sogleich was ich meyne finden.
Jedoch ich will den Weg der Ordnung gehen, damit ich nicht eine Sache zweymal wiederhole. Ich will Ihnen jede Zeichnung besonders erklären. Sie werden zweyerley Vorstellungen finden auf der
I. Tafel Das Cuffishe Sonnenmikroskop, nebst der finstern Kammer

Titel der Tafel: Das Cuffsche Sonnenmikroskop, nebst der finsteren Kammer Die finstere Kammer, oben auf der Tafel, das ist Ledermüllers Vorführraum für seine Mikropräparate. Das Sonnenmikroskop war an einen Fensterladen montiert und projezierte die Präparate an die Wand oder auch auf einen Schirm. Lichtquelle war die Sonne, das Fenster mit dem Laden musste also zur Südseite hin orientiert sein und die Vorstellung konnte nur bei Sonnenschein stattfinden. Unten das Sonnenmikroskop an sich, das in London von J. Cuff hergestellt wurde. Der Originaltext beschreibt die Maße: „Die ganze Grösse der vergoldeten Platte a. beträgt 9 Zoll in der Höhe und 5 nach der Breite, dessen Dicke aber kaum 1/2 Zoll. Der Spiegel ist 7 1/4 Zoll lang und 2 breit, die Röhre aber 6 1/2 Zoll zusammen der Vorlage und im Diameter 1 1/4 Zoll, daher man es gemächlich bei sich tragen kann.“ Lichtquelle war die Sonne auf der Außenseite, der Vorführer musste also ständig an dem Hebel h herumhantieren und den Spiegel so nachjustieren, dass die wandernde Sonne ständig in die Röhre leuchtete. Vorne wurde (ab r) ein sogenanntes Wilsonsches Handmikroskop angeschraubt, in das die Präparate eingelegt werden konnten. Dieses Mikroskop ist auf den Tafeln 5 und 6 der Nachlese näher beschrieben. Ledermüllers Text dazu gleich nachfolgend.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig.


Die erste oder Figur I zeigt Ihnen das Cuffische Sonnenmikroskop, und zwar bey a. von fornen, wie es auf den hölzernen Bretgen b. mit denen Schrauben c. c. c. c. befestiget ist. Die Löcher d. d. d. d. in dem Bretgen dienen dazu , dass man es an einen Fensterladen schrauben kan; wie auf dieser ersten Tafel, Fig. 2. a. Ihnen an die Hand geben wird. Ehe ich dessen Theile beschreibe, muß ich Ihnen melden, daß das Meinige vom Herrn J. Cuff aus Londen ist. Die ganze Grösse der vergoldeten Platte a. beträgt 5. Zoll in der Höhe und 5. nach der Breite, dessen Dicke aber kaum 1/4 Zoll. Der Spiegel ist 7 1/4. Zoll lang und 2. breit, die Röhre aber 6 1/2. Zoll zusammt der Vorlage, und im Diameter 1 1/4. Zoll, daher man es gemächlich bey sich tragen kan.
Dieses Werk hat in der Mitte, ein verdecktes feines Kammrad, e, welches den Spiegel f. vermittelst einer kleinen Kammschraube g. von der rechten zur linken und wieder von der linken zur rechten richtet. Diese Schraube g. lassen Sie Sich empfohlen seyn, denn an dieser und dem Schlüssel h. muß Ihre rechte Hand fast beständig arbeiten. Dieser Steft oder Schlüssel h. gehet durch eine erhobene Oefnung i. und ist hinten gegen den Spiegel zu, vermittelst einer Schraubenmutter k. und eines Schenkels l. an der Seite ll. befestiget, dient aber dazu, den Spiegel in die Höhe zu ziehen und wieder in die Tiefe zu drücken, nachdeme der Stand der Sonne es erfordert. Im Mittelpunkt der Scheibe e. ist ein Erleuchtungsglas das etwas dabey vergrößert, eingeschraubt, welches Ihnen die zweyte Tafel zeigen wird. Ich habe den Ort mit einem Sternchen bezeichnet. Dieses wirft die Strahlen der Sonne aus dem Spiegel f. durch m. und n. hinaus, und zugleich das auf dem Schieber befindliche und vergrößerte Objeckt, mir bis an die weise Wand, wann das Handmikroskop zuvor daran geschraubt worden.
Dieses ist das sine me nihil, wann ich etwas vergrößern will; und damit ich den Fokum verlängern kan, so ist vorn an der Cylinderischen Röhre noch eine kürzere Röhre oder Vorlage o. welche Sie auf der zweyten Tafel besser sehen werden, weil ich sie da alleine nebst den Ort p.abgebildet habe, wo sie angeschoben werden muß. Diese Vorlage ist zugleich vorn mit einer Schraube q Tab. II. versehen, welche in die Schraubemutter, so an dem hintersten Theil des Wilsonischen Handmikroskops r. befindlich ist, eingeschraubt und dadurch an den Cylinder m. gebracht, somit das ganze Sonnenmikroskop vollständig gemacht wird. Alsdann wird der Schieber f. mit dem erwählten Objeckt, zwischen die beeden elfenbeinern Blätchen t. geschoben, und dann so lange mit der einen Hand v. das Handmikroskop zurück oder vor sich geschraubt, mit der andern aber x. der Schieber gerichtet, biß Sie den schärfsten Umriß von dem Objeckt, an der weisen Wand gewonnen haben.
Dann zeichnen Sie es flugs ab; und zu besserer Bequemlichkeit, habe ich mir eine sehr einfältige Maschine machen lassen, in welcher ich einen Bogen Pappier einspannen kan. Sie werden solche auf der ersten Tafel Fig. II. finden. Sie bestehet aus einem ausgebohrten Stock d. der auf einen Kreuzfuß stehet. In diesem Stock wird die Rahm c. vermittelst eines andern nicht so dicken Stocks f, gesteckt und durch einen Zweck e. hoch oder niedrig gerichtet. Übrigens habe ich Ihnen durch diese zweyte Figur, nur eine flüchtige Abbildung meiner gegenwärtigen finstern Kammer, geben wollen, wo Ihnen a. den Ort des gegen Abend eingeschraubten Mikroskops, b. mit einem darunter stehenden Tischgen, worauf man sein nöthiges Geräthe legen kan, und die weise Wand woran die Objeckte fallen, vor Augen stellen soll. Die Stühle für Ihre Zuschauere mögen Sie stellen wie Sie wollen; so habe ich sie nach meiner Gelegenheit angebracht, wie sie hier stehen. Ferners zeiget die
II. Tafel Das Sonnenmikroskop von hinten, und 2. finstere Kammern mit optischen Vorstellungen.

Titel der Tafel: Das Sonnenmikroskop von hinten und zwei finstere Kammern mit optischen Vorstellungen. Unten wiederum das Sonnenmikroskop, diesmal aus einem anderen Blickwinkel. Die oben dargestellten beiden „finsteren Kammern“ zeigen eine Spielerei für die mikroskopischen Vorstellungen: Das Wilsonsche Handmikroskop wurde abgeschraubt, der Sonnenstrahl auf ein Prisma gelenkt, je nach Lust und Laune noch ein Wasserglas davorgestellt und schon konnten die Zuschauer leuchtende Regenbogenspektren bewundern, da das Prisma das Sonnenlich in seine spektralen Bestandteile zerlegt.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


Die Figur A. stellet Ihnen das Sonnenmikroskop von der hintern Seite ohne Bret vor, nemlich die vergoldete mößinge Platte b. worauf die Schraubenlöcher c. die Kammscheibe e. das Erleuchtungsglas mit dem Stern bezeichnet, wie ich Ihnen schon gemeldet habe, angezeigt sind. Sie sehen ferners allda den Spiegel f. den hintersten Theil der Kammschraube g. welche die Scheibe e. und den Spiegel f. links und rechts stellet. Bey h. ist die Handhebe oder der Ring des Schlüssels angezeigt, der den Spiegel höher und tiefer vermittelst des Schenkels i. und der Schraubenmutter k. richtet. Die Art, wie die Strahlen der Sonne durch f, * m, n, p, würken, habe ich Ihnen mit I. angemerkt. Und o. und q. bildet noch die Vorlage mit Ihrer Schraube ab, an welche das Wilsonische Handmikroskop kommen muß, um damit den Fokum, so es nöthig, zu verlängern.
Was aber die darüber stehende zwey Abbildungen B. C. von finstern Kammern, mit denen Regenbogenfarben bedeuten, muß ich Ihnen ehe ich schlüße, auch noch erklären.
Ich habe oben angemerket, daß sie Ihre finstere Kammer auch zu andern optischen Vorstellungen gebrauchen können, und hier sollen sie erfahren, daß ich Ihnen nichts unangenehmers damit angezeigt habe. Wann Sie nehmlich, mit Ihren Mikroskopischen Vorstellungen fertig find, so nehmen sie nur alsdenn die Vorlage o. samt dem Handmikroskop, ab, und lassen alles andere mit der Cylindrischen Röhre m. n. eingeschraubt an den Laden p. Hierauf stellen Sie ein kleines Tischlein oder ein besonderes hierzu verfertigtes Gestelle, a. fig. B. und C. das die Höhe mit der Mündung des Cylinders m. hat, ohngefehr 2. Schuh weit, vor das Sonnenmikroskop oder die Lade b. worinnen es eingeschraubt ist, und langen hernach, Ihr Prisma c. hervor, halten es so, daß die Strahlen der Sonne auf einen von den 3. scharfen Winkeln fallen kan; so werden sie zu beeden Seiten der Wand eine Eyrunde Säule d. d. fig. C. von Regenbogenfarben haben, so, wie ich sie mit e. sammt allen ihren Farben besonders abgebildet habe. Stellen Sie aber noch ein Cylindrisches Glas d. mit Wasser gefüllt, hinter ihr Prisma, S. fig. B. so bilden sich dadurch in Ihrem Zimmer zwey vortreffliche Regenbögen e. e. davon der eine oben an der Wand, der andere unten auf den Fußboden, sich auf das prächtigste darstellet. Zuweilen fällt auch noch dic Eyförmige Figur f. mit an die Seitenwand. Ich hätte diese Ausschweifung gewiß nicht angebracht, wenn ich nicht zum Voraus überzeugt gewesen wäre, daß sie Ihnen nicht unangenehm seyn wird. Sie können noch viele andere vortreffliche Erfahrungen, besonders mit der Zerstreuung und Darstellung einer jeden Farbe besonders, machen, wann Sie nur einmal das Prisma werden kennen lernen, und des grossen Neutons und des Herrn Algarotti, und anderer Bemühungen nachgesehen haben.
Nun könnte ich schließen, alleine ich will Sie heute zur Straffe, daß Sie schon pracktische Beobachtungen anstellen wollen, mit einem rechten langen Briefe plagen: damit ich aber Stoff zum Schreiben erhalte , so habe ich zwey besonders schöne Mikroskopische Beobachtungen abgezeichnet, die ich Ihnen hiemit sende.
Sie sollen beede untersuchen, ob ich sie recht gezeichnet und vorgestellet habe. Es lässet sich auf der
III. Tafel Ein Scheibchen von einem Strohhalm
a. sehen, das quer durch einen Knoten des Halms geschnitten worden.

Titel der Tafel: Ein Scheibchen von einem Strohhalm. Der Schnitt verläuft durch einen Knoten des Halms
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Es enthält ordentlich und unordentliche Sechsecke. Die unordentliche entstehen von der Verdrocknung. Denn, konnte man das Scheibchen allemal gleich auflegen, daß es im Einspannen auch schon im Durchschneiden, nichts von seiner Ordnung verlohre so würden allemal gleiche Sechsecke, zu sehen seyn. An einigen Orten sind sie sehr deutlich und im Sonnenmikroskop am allerdeutlichsten, wie ich einige davon mit b. angezeigt habe. Das unvergrösserte Scheibchen selbsten, sehen Sie, bey c. Es läßt sich wohl recht schön sehen, aber nicht beschreiben, ich will Ihnen diese Arbeit überlassen, da sie in der Geheimniß der Pflanzenlehre bester erfahren sind, als ich.
Endlich habe auf die
IV. Tafel Einen Querschnitt von der Saamenkapsel einer wilden Pappelstaude
gezeichnet, der sich ebenfals besonders schön ausnimmt.

Titel der Tafel: Ein Querschnitt von der Saamenkapsel einer wilden Pappelstaude.
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig

Diese bestehet, wann man sie in der Mitte quer durchschneidet, aus einem breiten Stern a. von 14. Strahlen oder Saamengehäusen. Wann er noch frisch ist, fällt er wegen seiner sittiggrünen Farbe, viel schöner in die Augen. Ich habe diese Zeichnungen von einer schon dürren Saamenkapsel genommen , daher dessen Farbe in das braungrüne gefallen. Es hängen auch alsdenn die äussersten Theilchen b. sowohl als mit denen Spitzen der Sternstrahlen zusammen: Hier aber scheinet ein jedes abgesondert zu seyn, welches ich denn auch nicht anderst machen wollen, als ich es durch das Vergrößerungsglas gesehen habe. Die wahre Grosse, ist mit e. von mir angemerkt worden. Haben Sie noch nicht genug? Ich denke ja! Sie können für heute zufrieden seyn. Nächstens ein mehrers. Doch müssen Sie wieder Handgriffe in meinem folgenden Briefe annehmen, welches ich Ihnen zum Voraus anzeige, damit wir nicht aus unserer vorgesetzten Ordnung schreiten. Ich bin begierig auf Ihre Antwort, noch begieriger aber auf die angenehme Versicherung, daß Sie mit mir zufrieden sind.


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