Stichworte: Historie, Ledermüller, Mikroskopie, aus Bewie's Mikrowelt

Ledermüllers Nachlese, V. Brief

V. Brief

Wie? Sie beklagen Sich über das Urtheil und den Geschmack der Menschen gegen Ihre Mikroskopische Belustigungen? Können Sie sich wohl, als ein praktischer Weltweiser, über diese Urtheile erzürnen? Lassen Sie immerhin die Herren X. P. und Z. die Nase über Dero allerliebsten Zeitvertreib rümpfen und ziehen; Uns werden Sie damit nicht eine Minute rauben, die wir dem Mikroskopischen Vergnügen gewidmet haben, vielweniger uns überzeugen, daß ihr erwähltes Vergnügen besser sey, als das unsrige.
Solten Sie wohl vermuthen, daß Herr Hochherz, der alles, was zu den anmuthigen Wissenschaften gehört, für läppisch hält, über den verderbten Geschmack unserer Zeiten klaget, und dennoch die Marionettenbuden besucht?
Die Urtheile der meisten Menschen beruhen überhaubts auf keinem gewissen Grund; sondern so verschieden die Neigungen sind, so verschieden sind auch die Urtheile.
Mancher hat sich in gewisse Dinge unsterblich verliebt, welche wir beide nicht einmal des Anschauens würdigen können. Was thut die Auferziehung, und mit wie vielen Vorurtheilen überhäuft sie die Seele? Zumal wann sie nicht durch die Wissenschaften gereiniget wird? Wiewohl auch diese öfters nicht Kraft genug haben, die eingewurzelten Vorurtheile auszurotten. Zu diesen müssen wir noch das Temperament, die Leidenschaften, Absichten , Gewohnheiten und noch viele andere Dinge setzen, aus welchen gleichsam, als aus trüben Quellen, Urtheile fliessen die vor einer aufgeheiterten Vernunft nicht bestehen können.
Neigung und Einbildungskraft sind grosse Geschenke der gütigen Natur. Ich will nur ein Beispiel anführen, diesen Satz zu bestärken.
Als ich vor einigen Jahren in ein gewisses Hauß, Geschäften wegen, gehen müssen, und die Unterredung sich geendiget hatte; so ersuchten mich Herr und Frau vom Hause, nur auf einen Augenblick noch zu verziehen, und eine Butellie Wein zu verkosten. Unter der Zeit, da wir trunken, rufte der Haußwirth seinen drey Kindern, welche alsobald erschienen, aber nicht in das Zimmer, wo wir waren, giengen, ohngeachtet sie schon sechsjährig; sondern sie krochen, wie die Schildkröten , oder, wie die Enden, und hatten dabey, ausser den sichelkrummen Füssen, alle nur mögliche Gebrechen des Leibes und Gesichter, wie die Affen. Gleichwol herzte sie der Vater; und die Mutter, nannte sie ihre schönen lieben Engel.
Welche Glückseeligkeit für diese armen Kinder , daß sie von ihren Eltern für die schönsten gehalten werden! Würden sie sonsten einer so guten Pflege theilhaftig worden seyn?
So viel Köpfe, so viel Sinnen. Herr X. liebe seine Marionetten, Herr P. seine Jagdhunde; und Herr Z. ein reines a l’Ombre oder Quadrille; wir bleiben bey unsern fünf Sinnen, und behalten zu einem erlaubten Zeitvertreib unser nützliches und bewundernswürdiges Mikroskop. Alles zu seiner Zeit. Ein von Moßheim, ein Baumgarten, Leiser, Struv, Boerhav und Haller, sind uns zu gehörigen Stunden eben so angenehm, als Nollet, Muschenbroeck, Lieberkühn, Needham und Hills.
Doch wieder zur Sache. Damit ich Dero weitern Verlangen ein Genügen leisten möchte, wie man auch nach diesem Handmikrosksp, ausser der finstern Kammer und ohne Sonnenstrahlen, bequem ein Objekt abzeichnen könne; so habe ich Ihnen mein Instrument, so, wie ich es gebrauche, abgezeichnet.
Sie finden es auf der
VI. Tafel.

Titel der Tafel: Das Wilsonsche Handmikroskop. Hier ist es über einem Beleuchtungsspiegel fest montiert. Es war natürlich nur für transparente Objekte geeignet, „zu undurchsichtigen Körpern gehört dieses Instrument nicht“. Dass man mit diesem Gerät nicht so bequem wie mit den heutigen Mikroskopen arbeiten kann, liegt auf der Hand und auch Ledermüller bereitet seine Leser darauf vor: „Sie werden von selbsten begreifen, mein Freund, daß hier auf Gedult und Geschicklichkeit des Beobachters alles ankommt.“
Bild aus: Der Mikroskopischen Gemüths- und Augenergötzung Drittes Fünfzig


a. Ist das Wilsonische Handmikroskop welches auf einem schwarzgebeitzten, oder nußbaumenen Schubladenkästchen, vermittelst eines Schenkels, aufgerichtet stehet. Dieses Mikroskop hat hinten am Rucken eine aufgelötete Schraubenmutter b. In diese kommt die feine Schraube c. welche zuvor durch den Schenkel d. gebohret, und dann in b. eingeschraubt wird. Der Schenkel d. wird sodann samt dem Mikroskop oben auf dem Schubladenkasten aufgerichtet, und entweder vermittelst eines unten am Ende des Schenkels befindlichen Zapfen, oder einer Schraube, eingesteckt, oder etngeschraubt. S. e.
Auf das Schubladenkästgen f. wird ferners oben ein Spiegel g. angebracht, der aufrecht oder senkrecht unter das Mikroskop a. kommen muß, um das Objekt im Schieber von unten hinauf zu erleuchten.
Das Schublädchen f. selbsten dient gar gut, diesen Spiegel g, die Schieber k. das Kornzanglein i. die Pensel k. das elfenbeinerne Stöckchen l., worauf man den meßingen Drath zu denen Ringlein rund zu machen pflegt, nebst dem Suchglas m. wann es auseinander geschraubt ist, und anderes Geräthe, darinnen zu verwahren. Der Erleuchkungsspiegel kan etwas hohl geschliffen seyn. Man richtet denselben gegen das Licht, so , daß die Strahlen in denselben und wieder zurück durch das Erleuchtungsglas an den Schieber und das darinn befindliche Objekt hinauf prellen, und dasselbe, so es anderst durchsichtig ist, vollkommen von unten hinauf in das helleste Licht setzen. Denn zu undurchsichtigen Körpern gehört dieses Instrument nicht; sondern ein ganz anderes, welches ich Ihnen mit ersterer Gelegenheit ebenfals erklären werde.
Durchsichtige Dinge aber, als z.B. Salze, wässerichte Sachen, Flöhe, Wanzen, Läuse, Pücerons, viele Arten Schlammthiere, die Kleisteraale, die Infußionsthierchen, das Serum vom Blut, Milch, Urin u. d. gl. mehr, können Sie bey Tag und Nacht vermittelst dieses Instruments beobachten, und gemächlich abzeichnen.
Sie werden von selbsten begreifen, mein Freund, daß hier auf Gedult und Geschicklichkeit des Beobachters alles ankomme. Sie müssen, wie bey dem Sonnenmikroskop, beständig mit dem Auge oben auf dem Glase ruhen, mit der rechten Hand aber bald den Schieber, und bald die grose Schraube, mit der linken hingegen den Spiegel richten, bis Sie Ihr Objekt vollkommen scharf und im höchsten Lichte sehen.
Dann setzen Sie sich ruhig neben dem Instrument nieder, und zeichnen vermittelst einer guten mahlerischen Gedächtnißkraft das, was Sie nun still liegend im Mikroskop sehen, auf das vor Ihnen liegende Papier. Kan man auch wohl fehlen, da dem Zeichner nicht das mindeste zu entwischen vermag? Das Objekt liegt Ihm ganze Wochen und Monathe lange, und noch länger unverrückt stille. Er kan es tausendmal ansehen, und seine Zeichnung dagegen halten; und er hat mehr Vortheile, als ein Porträtmahler, der doch auch treffen muß, ohngeachtet ihm mancher Zug, manche Mine im Gesichte des Sizenden entwischt. Nur dieses will ich noch dabey erinnern. Sie müssen, welches sich von selbsten verstehet, zeichnen können.
Endlich werden Sie noch ein gar altes Mikroskop auf dieser Kupfertafel finden, welches aber den Stoff zu vielen neuen, besonders zum Zirkelmikroskop, gegeben hat.
Figur n. stellet dieses kleine Instrument vor. Es hat eine Stahlfeder o. eine Stellschraube p. einen Ring, oder Kapsel q. um die Vergrösserungelentillen in ihren Hütchens darein zu schrauben, wie bey r. ein solches Linsenglas, samt einem metallenen Hohlspiegel besonders zu sehen ist.
s. ist eine Klappe, oder ein Zänglein, mit einer Spitze, um Objekte damit vor die Lentille zu bringen. In t. wird ein Steft eingesteckt, der oben eine Nadel v. und unten eine Zwinge x. haben kan, um ebenfals Objekte daran zu bevestigen, und r. ist die Handhebe.
Ich will Ihnen nächstens ein mehrers von diesem Instrumente melden, wann ich den Gebrauch des Zirkelmikroskops Ihnen mittheilen werde. Dermalen erlauben Sie mir, zu schlüssen, und die Versicherung mit anzufügen, daß ich mit der zärtlichsten Hochschätzung sey ec.


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